Anektote: Axel und der entflohene Zirkus

„Am Liebsten würde ich dieses blöde Ding aus dem Fenster schmeißen! Warum gerade jetzt?“ Es war Prüfungszeit. Heute wollte ich mich mit einer Bekannten treffen. Dazu brauchte ich aber die vorgefertigten Skripte. Alle Dateien, die ich brauchte, waren auf diesen Computer gespeichert, aber ich kam nicht mehr an diese ran, da der Bildschirm nur eine schwarze Leere zeigte. „Hase, was hast du schon wieder gemacht? Krätze an den Fingern?“, entgegnete mir Benni. „Gar nichts, gestern war alles noch in Ordnung.“ Benni stand von der Couch auf, auf der er gerade seine Kuschelposition zum Fernsehschauen eingenommen hatte: „Immer wenn ich mich gerade hingelegt habe, findest du was, damit ich keine Ruhe finde. Irgendwie hast du ein goldenes Händchen dafür. Kann ich nicht einmal nur liegen bleiben dürfen, ohne dass etwas ist?“ Er mustere kurz den schwarzen Bildschirm, den brummenden Tower und schüttelte den Kopf: „Das schaffst nur du. Axel soll sich den mal anschauen. Ich ruf ihn an. Vielleicht ist er ja in Berlin.“

Axel war IT-Mechaniker in der Firma, wo Benni arbeitete. Da er in Cottbus wohnte, einer Autofahrt von mindestens zwei Stunden, besuchte er die Filiale bei uns nur einmal die Woche. “Hallo du Zausel. Ich hab’ hier ein Problem… Ja genau. War ja klar oder? … Das ist ja praktisch, super. Wir telefonieren später, dank dir!“ Benni schaute zu mir: „Hast du ein Glück.“ Ich strafte Benni mit einem ungläubigen Blick: „Und?“ Benni grinste breit: „Axel nimmts mit Humor, er kennt deine Finger. Heute Abend ist hier eine Show beim chinesischen Staatszirkus. Da geht er mit einigen Freunden hin. Wir sollen den Tower mitnehmen und treffen uns vorher da irgendwo. Morgen Mittag hast du deinen PC wieder.“ Ich dachte mir nur: Na schön, dass ich die Beiden wieder amüsiere. Ist ja sonst keiner da. „Na, wenn das die einzige Möglichkeit ist, ist doch super, danke.“

Abends fuhren wir zum Treffpunkt. „Sechs Uhr, wo ist der Kerl?“ Wir schauten in der ganzen Gegend nach dem Zirkus, aber es war keiner zu finden. „Vorallem, wo ist der Zirkus?“, fragte mich Benni rethorisch. „Mmhh, ruf ihn doch mal an.“ „Gute Idee. Na wo haben wir denn seine Nummer?“ Nach etwas längerem Stöbern im Telefonbuch des Handys klingelte die Freisprechanlage des Autos:

Axel: “Hey Benni.”
Benni: “Na Axel. Wo bleibt ihr denn?“
Axel: „Wir stehen hier am Nuthetal seid einer Stunde im Stau. Keine Ahnung wie lange das dauert. Die Vorstellung beginnt ja um halb acht.“
Benni: „Es ist halb sechs. Beeilt euch mal. Bis hier hin ist es noch ein Stück.“
Axel: „Ist Jenny bei dir?“
Ich: „Ja, hi, wie geht es dir? Danke, dass du meinen PC reparieren willst.“
Axel: „Ja, hi, kein Problem.“
Benni: „Los, kommt in die Puschen. Wir warten hier. Der Zirkus ist doch Ostbahnhof oder?“
Axel: „Ja, der sollte da sein.“
Benni: „Hier ist nur der Ostbahnhof und die Tankstelle.“
Axel: „Na schaut noch mal, bis später.“

„Hey“, sagte ich empört, als Benni auflegte. „Ich wollte mich auch kurz mit ihm unterhalten.“ „Oh sorry, willst du nen Kaffee? Da ist eine Tankstelle an der Ecke. Das Ganze dauert ja eh etwas länger.“ Werde ich hier gekonnt ignoriert oder was? „Dann fahren wir zu Megges am Bahnhof.“ Mit einem leckeren dampfenden Kaffee fuhren wir frisch gestärkt wieder die Straße hinauf und wieder herunter. Es war dunkel geworden. Ein Zirkus hat Flutlichter, also sollte es im Dunkeln erkennbar gewesen sein. „Ich halt mal hier an und frag den erstbesten, der mir entgegen kommt. Langsam hab ich die Schnauze voll.“ Benni ging zu den Passanten, die am Fluss entlang liefen. Er kam zurück mit einem breiten Lächeln: „Also hier weiß keiner was von einem Zirkus, aber wir sollen mal da vorne am gelben Container schauen. Fahren wir mal hin.“ „Nicht im ernst“, sagte ich verblüfft. Der Container stand einsam und verlassen auf einer Wiese. Von der Straße aus hätte man ihn nur gesehen, wenn man genau hingeschaut hätte. „Ich geh jetzt mal hin“, sagte ich, stieg aus dem Auto aus und lief neugierig auf das gelbe Schild zu, welches unscheinbar und klein unterhalb des Kassenfensters hing.

Vorstellungen die nächsten
vier Wochen abgesagt!
Chinesischer Zirkus ist frühzeitig abgezogen!
Mehr Infos unter:
0800 STAATSZIRKUS

Oh Gott, dachte ich nur und ging langsam zum Wagen zurück. Mein Freund stand schon vor unserem Auto auf den Bürgersteig mit einer Zigarette in der Hand und sah mich verwirrt an, als ich kopfschüttelnd zurück kam. „Der arme Axel, der arme Kerl“. „Ja was denn nun“, zischte mich mein Freund an.

„Der Zirkus ist weg“, sagte ich – „Eh, wie weg“ fragte Benni noch verwirrter. „Ja weg, die Vorstellungen wurden abgesagt!“ „Nein oder, das können wir Axel nicht erzählen“, wir brachen in Lachen aus. Seid 2 Stunden stand Axel nun im Stau: „Kaum kommt Axel nach Berlin, gibt es Völkerwanderungen.“ „Lass mich das Axel erzählen, pass auf“, sagte Benni und tipselte bereits die Nummer:

Benni: „-Axel?“
Axel: „Ja?“
Benni: „Du brauchst dich nicht zu beeilen.“
Axel: „Warum?“
Benni: „Der Zirkus ist weg.“
Axel: „Wie weg?“
Benni: „Ja, weg, die sind abgehauen, als sie hörten, dass du nach Berlin kommst.“
Axel: „Na sehr witzig, haha, jetzt im ernst?“
Benni: “Ja, der Zirkus steht nicht mehr hier, nur ein gelber Container, wo drauf steht, dass alle Vorstellungen abgesagt wurden.“
Axel: „Na toll, hätten es ja eh nicht geschafft, pünktlich zu sein.“
Benni: „Na hör mal, treffen wir uns an der Tankstelle hier um die Ecke, die kennst du ja auch noch.
Axel: „Ja ok, wir kommen dann dahin, bis später!“

Zwei Minuten die Straße geradeaus an der nächsten Kreuzung sollte die Tankstelle gewesen sein. „Mmhh, die Tankstelle ist nicht mehr da. Da ist nur eine Baustelle“, sagte Benni erstaunt. „Das gibts doch nicht“, motzte er, dann fing er wieder an zu lachen „Das muss ich Axel erzählen.“ Er rief an: „Axel, Axel, ich weiß jetzt warum die Chinesen nicht mehr da sind. Die haben die Tankstelle mitgenommen und sind abgehauen!“ „Nein“, schrie Axel und musste jetzt auch lauthals anfangen zu lachen. „Ich sach ja, wenn du kommst, Axel, bricht eine Völkerwanderung aus.“ Alles brüllte und wir konnten uns den ganzen Abend lang nicht mehr halten vor Lachen.

Wir trafen Axel um 22:30 Uhr am Ostbahnhof. „Sowas mach ich nie wieder“, sagte Axel säuerlich. „Ach Axel, du kannst ja wenigstens Jennys PC reparieren.“ „Ich geh noch mit meinen Freunden in Berlin Essen. Wenigstens etwas sollen sie von Berlin haben. Schönen Abend noch und Benni“ – „Ja?“, schmunzelte er, „Das kriegst du zurück!“ Naja, wenigstens passiert mir das nicht alleine. Axel stellte den PC in den Kofferraum seines kleinen Kombis und düste finster dreinschauend vom Parkplatz davon. Als wir auch vom Parkplatz fahren wollten, überholte uns ein Polizeiwagen und fuhr Axel hinterher. Als wir auch vom Parkplatz fuhren, stand Axels Auto am Straßenrand, nur ein paar hundert Meter weiter und ein Beamter stand an seinem Fenster. Gröhlend fuhren wir an ihm vorbei. Nach Luft ringend vor Lachen, sagte ich zu Benni: „Oh Gottchen, der Arme, soviel Pech auf einmal.“

Als wir endlich zuhause angekommen waren, klingelte das Telefon: „Jenny, komm her, ich stelle auf Lautsprecher. Ja Axel?“ „Ich komm euch nie wieder besuchen. Die Polizei hat mich angehalten und ich musste denen die ganze Geschichte um den PC erzählen. Die legten sich fast auf die Straße, weil sie ihren Bauch vor Lachen nicht mehr festhalten konnten. Dann haben die meine Daten nicht gefunden. Angeblich habe ich keinen Führerschein, laut deren Computer, und jetzt warte ich hier darauf, dass die mich endlich laufen lassen. Eh, was ist hier bloß los?“ Benni und ich schauten uns verdutzt an. Gleichzeitig schoss es aus uns hinaus: „Was? Wie bitte, keinen Führerschein? Wie hast du denn das wieder angestellt. Unglaublich, Jenny, wollen wir noch mal losfahren und uns das Schauspiel anschauen?“ Axel sprang fast durch das Telefon: „Wenn ihr das macht, ich schmeiß das blöde Ding aus den Kofferraum und ihr könnt eine Schnitzeljagd durch Berlin nach eurem PC machen!“ Besänftigend sagte ich: „Ruhig Axel, sei doch mal ehrlich, das ist alles doch sehr komisch. Meine Pechsträhne ist wohl auf dich übergegangen.“ Axel sprach mahnend: „Wenn das so weiter geht, kann ich deinen PC für morgen nicht mehr fertig kriegen.“

Erschrocken zuckte ich zusammen: „Aber Axel, ich brauche meinen PC so schnell wie möglich, ich habe doch Prüfungszeit. Bitte bitte bitte…du schaffst das doch?“ „Naja, Jenny, ich versuch mein Bestes. Wir hören uns morgen.“ „Ja, bis morgen, dank dir noch mal.“

Morgens nach einem aufmunternden heißen Kaffee, überlegte ich ein wenig über die Struktur meiner Skripte und sah mir noch mal die handschriftlichen Notizen an. Ein paar Korrekturen konnte ich noch einfügen. Das Telefon klingelte. „Jenny hier, hallo Axel, und?“ Nach einer kurzen Pause und seltsamen Räuspern, meldete sich Axel: „So wollte ich es euch nicht heimzahlen.“ Axel versuchte sich das Lachen zu verkneifen. „Axel, das waren wichtige Dokumente, ich hab kein Backup.“ „Es tut mir leid Jenny, ich konnte nicht alle Dokumente retten, aber ich habe versucht, alles auf meinen PC zu ziehen. Ja, ich weiß, es ist nicht witzig, aber bei mir kommt die Schadenfreude durch.“ Lautes Gelächter schallte durch den Hörer. „Ich versuch mein Bestes und bring Ihn dir heute Mittag. Bye.“ Ich legte ohne Worte auf. Erschüttert über den Verlust meiner harten seitenlang getippten Arbeit, rief ich meine Freundin an. „Dori, sag mir, dass du eine Kopie der Skripte hast.“ „Da muss ich erstmal schauen, aber das schaff ich erst heute Mittag.“ „Ok, meld dich, sobald du kannst.“ „Mach ich, bis dann.“

Neben der Gefühlsachterbahn, die mein Kopf vollmüllte und mich nicht mehr klar denken ließ, kam ich wenigstens zu einem letzten klaren Entschluss. Ich nahm Benni mit in die Stadt. „Was wollen wir denn machen Jenny?“ „Wir werden eine Kleinigkeit als Dankeschön für Axel kaufen. Er hat das alles wegen mir auf sich genommen.“ „Na gut, was willst du ihm den kaufen?“ „Na überlegen, gehen wir am besten in den Laden, wo wir das letzte Mal ein Geschenk für meine Oma geholt haben.“ Im Laden angekommen stöberte ich ein wenig im Geschenkeartikelregal und wurde fündig. Es war ein Schokoladenriegel, mit der Aufschrift Pechwegmacher. Ein kleines Büchlein war wie geschaffen für ihn: Murphy’s Gesetze.

Mittag trafen wir Axel in der Filiale. Etwas traurig sagte er: „Ich konnte deinen PC nur neu machen, alle Dateien sind weg. Tut mir leid, Jenny.“ „Ach, kein Ding, dann mach ich eben alles neu. Sehen wir es positiv, das hat doch einen Wiederholungslerneffekt.“ Wir alle schmunzelten und in dem Augenblick überreichte ich Axel die Schokolade und das Büchlein. „ Für dich Axel, dank dir trotzdem, mein PC läuft wenigstens wieder.“ Etwas enttäuscht war ich schon, da ich die ganze Arbeit vor Augen hatte, die mich erwarteten. In dem Moment rief Dori an: „Hi Jenny, ich habe noch Kopien. Was ist mit deinen?“ Freudig sprang ich in die Luft, umarmte Axel und Benni, und sagte ihr: „Ach, das erzähl ich dir bei einem Kaffee mein Engelchen.“

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