Das verborgene Lächeln

Wie jeden Tag fuhr ich mit dem Zug morgens auf die Arbeit. Die letzten Tage war sowohl auf der Arbeit als auch zuhause stressig gewesen. Meine Mundwinkel wurden schon von der Gravitation herunter gezogen, wenn ich nur einen Gedanken daran verschwendete, welcher Berg an Verpflichtungen mich schon wieder für den Tag erwartete. Ich schaute im Zug um mich herum und da ich an der Schiebetür im Mittelgangsitz ganz vorne saß, hatte ich einen guten Überblick über den Wagon. Es war für die morgentliche Stunde recht voll. Müde Gesichter starrten zu Boden. „Was sie wohl gerade denken?“, grübelte ich nach. Es war nicht gerade aufmunternd, diesen Trübsal zu sehen und so träumte ich vor mir hin. „Was passiert eigentlich, wenn ich sie einfach anlächle? Das würde mir gut tun und ihnen ganz bestimmt auch. Sie wollen vielleicht auch Lächeln, haben aber keinen Grund dazu. Aber würden sie mich nicht für verrückt erklären? Einfach mal lächeln ohne Grund, wo gibt es den sowas. Vielleicht sollte ich auch wie ein Lemming mein graues Gesicht aufsetzen und mich der Masse anpassen. Gleich steigen wir aus und wie ein Puls durch den Bahnhof strömen dann die Pendler zur nächsten Haltestelle. Tag ein, tagaus, immer das Gleiche.“

Ding-Dong „Wir erreichen jetzt den Frankfurter Hauptbahnhof. Bitte alle aussteigen“, ertönte eine Computerstimme durch den Lautsprecher. Hektisch standen alle auf, um zur Tür zu gehen. Ich blieb noch einen Moment sitzen und lächelte alle an, die an mir vorbei wollten. Der Zug hielt an, und jeder versuchte so schnell es geht, auszusteigen. Mein Lächeln nahm keiner wahr. Alle schauten nur starr nach vorne. Am Ende der Schlange war ein Mädchen mit ihrem überladenen Schulranzen, die mir in Augenhöhe entgegenkam. Als sie mein Lächeln sah, schaute sie verschämt nach unten. „Darf man etwa nicht mehr lächeln?“, dachte ich bei mir. „Das ist ja wie verhext. Ist man schuldig, wenn es einem gut geht?“ Erzürnt trottete ich dann auch endlich aus dem Zug in Richtung Tiefbahnhof. „Man, was ist bloß mit den Leuten los? Das ist schon gruselig. Am Bahnsteig stehen sie herum wie Handyzombies und wenn sie laufen sehen sie aus wie Lemminge.“

Der Alltag holte mich dann ein. Ich nahm den nächsten Zug zur Arbeit, kam zur Arbeit, erledigte meine Pflichten und abends ging es wieder nachhause. Als ich am Frankfurter Hauptbahnhof war, schaltete sich mein Kopf wieder ein. Der Zorn vom Morgen war verflogen und eine Schwere legte sich auf mein Gemüt. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menschenmassen zu meinen Bahnsteig. Gedankenverloren schaute ich hoch und plötzlich, ohne Vorwarnung, strahlte mich eine Frau aus vollem Herzen an. Es war nur eine Sekunde, aber diese Sekunde erschlug mich mit voller Wucht. Ihre Augen drangen durch meine Mauer und erfüllten mich einer zerschmetternden Freude, dass ich nur noch zurück lächeln konnte. Es schlug eine wie ein Erdbeben. Als sie an mir vorbei gelaufen war, schaute ich ihr nach. Das Kribbeln erfüllte meinen ganzen Körper, ich war verwirrt und stolz zugleich. Ein Mensch, der Lächeln kann. Wow.

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