Der Erzengel-Effekt – Intro

Heute habe ich einen tollen Blog gefunden: offenschreiben. Dort gibt es eine Artikel-Serie, die mich sehr angesprochen hat: Schreib mit mir. Ich habe es als Schreibübung verstanden, wie eine Online-Schreibgruppe, wo jeder, der mitmachen will, sein eigenes Ding mit einer Aufgabe niederschreibt. Das finde ich wirklich klasse, denn so etwas wollte ich auch einmal machen, kam aber nie dazu, es wirklich in die Tat umzusetzen. Deswegen mache ich gerne mit und bin gespannt, wo die Reise hinführt. Es sind kleine Kurzgeschichten oder Anfänge, so empfinde ich es und fange gerne mit dem ersten Teil an.

Anweisung

Die Augenfarbe eines Menschen ändert sich mit der Stimmung, aber die deines Protagonisten nicht und hat es noch nie getan. Welche Bedeutung hat seine Augenfarbe und wie reagieren andere Menschen auf ihn? Welchen Einfluss hat es auf sein Leben? In der Geschichte kommt ein Brief, ein Stuhl und eine Jacke vor.

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Joshua war fasziniert von ihr. Ihre Augen strahlten von der Pupille aus wie eine kleine Sonne und mündeten in der blau-grün schimmernden Korona ihrer Iris. Ihre Augen waren der magische Spiegel ihrer Seele. Selbst im gedämmten Licht der Tischlampe konnte er ihr inneres Leuchten spüren und es fühlte sich gut an. Nie hatte er sich so geborgen gefühlt wie in diesem Moment. Sie nahm ihn ganz an, mit all seinen Ecken und Kanten und das hatte Joshua vorher noch nie erfahren. Seine Augenfarbe änderte sich nie. Er hatte immer hellblaue Augen. Das machte den meisten Menschen ein Unbehagen, denn sie konnten nie seine Stimmung deuten. Aber nicht Lina. Sie war anders. Sie sah ihn. Nicht nur seinen Körper. Es war einzigartig. Einmalig. Unbeschreiblich. Selbst vor seiner dunklen Seite hatte Lina keine Furcht und das machte Joshua sogar ein bisschen Angst.

Der Computerschreibtisch war in der Mitte des Wohnzimmers und die Couch vorne an der Eingangtür. Eine Fensterfront erstreckte sich an der rechten Wand. Die Jalousinen waren unten, sodass man nicht erkennen konnte, was draußen war. Lina lehnte sich über die Couch in seine Richtung und lockte ihn mit einer Handbewegung zu sich. Der Computerstuhl quieschte mürrisch, als Joshua zu ihr rollte, seine Arme um ihre Schulter legte und ihren Nacken kraulte. „Was ist los, Lienchen?“ flüsterte Joshua in einer zärtlich betörenden Stimme und schaute sie mit seinem besten Dackelblick an. Bislang musste er sich immer verstellen, aber bei ihr fühlte er sich frei und trotzdem geliebt. Das war ein ungewohntes Gefühl. Seine Wangen glühten in ihrer Nähe. Lina kuschelte sich in seine kraulende Hand und tat ganz unschuldig. Sie ließ einen langen Seufzer von sich und kippte ihren Kopf hin und her.

Joshua wusste, wie sehr Lina romantische Momente liebte und da hatte er eine Blitzidee: „Was hälst du davon, wenn wir uns die große Decke schnappen und rausgehen. Ich habe gehört, heute soll eine wunderschöne lauwarme sternenklare Nacht sein. Suchen wir uns ein schönes Plätzchen?“ Lina sprang freudig über die Couchlehne an seinen Hals mit den Beinen frei strampelnd: „Oh ja, oh ja, oh ja, sofort, jetzt, auf der Stelle!“ Fünf Minuten später schlenderten sie nebeneinander die Hauptstraße des kleinen Dorfes entlang. Lina schaute in den Himmel: „Die Zeit ist heute aber schnell vergangen. …dass es so schnell dunkel geworden ist?“ Joshua zog sie an sich, knuffte sie liebevoll in die Seite und meinte: „Mit dir scheint die Zeit stillzustehen. Du schenkst mir ein Stück Ewigkeit und die Welt dreht sich ohne uns weiter.“ Lina legte ihr Köpfchen auf seine Schulter: „Aaawww Joshi, du weißt immer ganz genau, was mich zum Schmelzen bringt.“

Der Wecker riss ihn aus seinen Traum. Ach ja, der Wecker. Warum hatte ich ihn nochmal gestellt? Die Zeit mir ihr war nun schon ein paar Tage her, aber er konnte sie einfach nicht vergessen. Ihren Brief hatte Joshua immernoch nicht gelesen. Seit ihrer Abreise schlief er auf der Couch, um ihren Duft beim Einschlafen einzuatmen. Den Brief hatte sie in seiner Jacke versteckt, die über dem Computerstuhl hing und Joshua fand den Brief erst den Tag davor. Verschlafen mit einem noch etwas verknautschem Gesicht blickte er in die Richtung des Stuhls. Er streckte sich ausgiebig, um sich zu entknittern. Sollte er den Brief jetzt öffnen? Sie hatte sich seit ein paar Tagen nicht mehr gemeldet und Joshua vermisste sie sehr. Er hatte ihr alles erzählt: Wie die Menschen auf ihn reagieren, was er macht, über Gott und die Welt. Er nannte es den Erzengel-Effekt. Joshua arbeitete als Hobby-Handwerker und lernte auch dadurch viele Leute kennen, aber seine große Familie und der Freundeskreis gaben genug Arbeit ab, um davon zu leben. Alle waren immer so fasziniert von ihm, erzählten ihm gleich ihre Lebensgeschichte und offenbarten ihm seltsame Geheimnisse, ohne, dass er es wollte. Joshua war eigentlich derjenige, der die Menschheit von sich abstoßen wollte, aber das ging nicht. Nicht, dass er es schon versucht hätte…

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2 Kommentare zu „Der Erzengel-Effekt – Intro

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