Der Erzengel-Effekt – Kapitel 1

Intro

Der Kaffee war schon kalt geworden. Angelina versuchte jeden Tag ein bisschen Abenteuer in ihre Arbeit zu bringen. Vorallem brauchte sie das in der Zeit, wo sie im Büro war, da es ansonsten unerträglich eintönig wurde. Die Raumluft roch verbraucht, so wie ihre Motivation. Gerade heute windete sich wieder einmal der Wurm in den Kleinigkeiten. Sie rannte gegen die Schrankecke, stieß sich an der Tischkante, ließ den Kuli dauernd fallen und jetzt war auch noch der Kaffee kalt. Sie starrte angesäuert in den PC-Bildschirm und versuchte wenigstens ein bisschen Post abzuarbeiten. 42 Mails. „Acht Uhr und der Tag ist jetzt schon im Arsch“, brummelte sie leise vor sich hin. Es war noch keiner im Büro und das war die perfekte Zeit für Selbstgespräche. Fünf weitere Schreibtische füllten den Raum. Ihrer war an der Fensterseite mit dem Blick auf die Eingangstür und einem Parkplatz, wo eine einsame Birke stand. „Boah, was ist mit dir?“, fragte sie erhitzt den Computer, der ihr nur ein Standbild anwortete. Bürozeit war immer das, was sie am liebsten vermeiden wollte, aber es gehörte nunmal zu ihrem Job dazu. Auf ihrem Schreibtisch, der schön breit und gefühlte 3 Meter lang war, lag rechts von ihr ein Stapel Briefe. „Na dann mach ich dich zuerst.“ Sie nahm den ersten, den zweiten und den dritten Brief, sortierte nach und nach die Werbung aus. „Also am liebsten würde ich euch ja zu Konfetti machen und eine kleine Party in der Küche mit einer heißen Tasse Kakao veranstalten, aber ich brauche eure Info.“ Sie konzentrierte sich so gut sie konnte, mit zusammen gekniffenen Augen und starren Blick.

Die Tür schwang auf und ein kurzer hoher Schrei durchfuhr den Raum. „Hab ich dich erschreckt?“, lachte Jeffrey. „Ja, die Unterhaltung mit den Briefen war gerade sehr tiefsinnig, Jeff“, zickte Angelina. „Kränken wollte ich dich nicht, aber trotzdem einen schönen guten Morgen, Herzchen“, strahlte Jeffrey sie mit einem breiten Grinsen an. „Ach komm schon, du bist doch sonst kein Grummel. Was ist los?“, musterte er sie, als seine Hände ihren Rollstuhl in seine Richtung drehten. Angelina schreckte nochmal auf. „Wie kommst du denn so schnell hierher? Ich habe gar nicht gemerkt, wie du den Hechtsprung zu mir gemacht hast“, nörgelte sie wie ein kleines grantiges Mädchen mit in die Mitte gezogenen Brauen und verschränkten Armen. „Wieder diese Träume?“, erkundigte sich Jeff mitfühlend, als er sich den Stuhl vom Nachbarschreibtisch nahm und neben ihr platzierte. Der ganze Druck schien von Angelinas Schultern zu fallen. „Jaaa“. Entrüstet, genervt und erschöpft machte sie eine große flattrige Geste, um wieder Raum zu schaffen. „Nicht so nah an mir. Du weißt, ich kann das nicht haben, dich so nah an mir zu haben, wenn ich in dieser Phase bin, Jeff.“

„Du meinst Depri, Lina.“ Entmutigt wurde Lina aber jetzt plötzlich wütend: „Warum bringst du mich dazu, dich anzuzicken? Ich will nicht zicken.“ Sie funkelte ihn an und schwupp, pieckste sie ihn herausfordernd in die Seite und lachte dann. „Blöde Nuss. Nu mach dir keeenen Kopp du Nudel. So schlecht scheint es dir ja nicht zu gehen“ lächerte Jeff aufmunternd und klopfte ihr ignorierend nochmal auf die Schulter. Er stand wieder auf, stellte den Stuhl zurück und meinte: „Wir kriegen das hin. Vertraue.“ Mit diesen Worten ging Jeffrey Richtung Küchennische. „Willst du auch einen Kaffee?“ rief er zu Lina. „Ja, meiner ist kalt. Obwohl, bei der Hitze fehlt nur noch eine Sahnehaube oder Vanilleeis. Aber kannst mir trotzdem einen mitbringen!“ Die Stimmung war gerettet. Hätte Lina den lieben Jeff nicht, wäre sie bestimmt schon längst ausgeflippt oder hätte gekündigt. Es war wirklich schön für sie, ihn zu kennen und auf der Arbeit zu haben. Auch wenn Lina größtenteils unterwegs war, um die 20 Haushalte zu besuchen, die sie zu betreuen hatte, war er immer für sie da, auch außerhalb der Arbeitszeiten. So eine verständnisvolle Verbindung war rarr und die musste man pflegen, dachte sich Lina immer.

Jeff kam mit zwei dampfenden Tassen zurück und stellte ihr eine hin. „Was ist wirklich los mit dir? Das sind doch nicht nur die Träume. Ich habe dich heute morgen im Zug vermisst.“ Fordernd schaute Jeff Lina an. Lina war leicht überfordert und stammelte: „Weißt du, ich bin nicht bereit. Aber das ist kein Thema für die Arbeit. Heute Abend bei Kingstons?“ Kingstons war eine kleine Cocktail-Bar in dem Dorf, in dem die beiden wohnten. „Ja, okay. Jetzt ist Arbeit. Na dann mach dich los. Ich mache die Post. Na hopp“, forderte Jeff und nickte Lina in Richtung Tür. Lina nickte ihm ebenfalls mit einem erleichterten Lächeln zu und ging ohne ein weiteres Wort zur Tür. „Kannst du die Werbung gleich in den Papierkorb werfen“, entgegnete Jeff ihr auf halben Weg. Sie drehte sich noch einmal um, nahm das Papier und drehte sich mit einem warmen Augenlächeln wieder um. Sie hob das Papier näher zu ihren Augen, bevor sie am Papierkorb ankam. „Willst du ausbrechen?“, stand ganz fett geschrieben auf einer Postkarte. Lina dachte sich nichts dabei und schmiss die Werbung weg.

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