Der Brunnen am Haus – Kapitel 1

Eine Legende hing über dem alten Brunnen im Garten des Herrenhauses. Ich war zwar immer nur in den Sommerferien zu Besuch bei meiner Tante, aber für mich war es die schönste Zeit des Jahres. Als 16-Jährige war das Leben alles andere als leicht. Der Stress in der Schule, meine überfürsorglichen Eltern und diese intrigante Mädchenclique hatten mich in die Krise meines Lebens gestürzt. Die Ferien bei meiner Tante Rosa war der rettende Lichtblick, um aus diesem Chaos des Alltags auszubrechen. Tante Rosa hatte einen leckeren Apfelkuchen zur Begrüßung gebacken und stellte diesen gerade auf den Esstisch im Wintergarten: „Ach mein Kind, ich freue mich, dass du mich immer noch gerne besucht. Wie war deine Reise? Ist alles gut gegangen?“

„Ja, Tante Rosa, der Zug war zum Glück nicht so voll. Mein Koffer hatte auch Platz.“, entgegnete ich. Ein Lächeln flog über Tante Rosas Lippen. „Das ist schön Eleonore,mein Schatz. Möchtest du noch ein Glas Milch zum Kuchen?“ Ich nickte erfreut und Tante Rosa machte sich auf den Weg in die Küche mit dem Satz: „Mein Kaffee ist auch gleich fertig.“ Dieses Mal frage ich sie. Warum wollte sie mir bis jetzt nicht davon erzählen? Tante Rosa kam mit einem Tablett, stellte das Glas Milch und die Tasse Kaffee auf den Tisch und setzte sich anschließend in den romantisch verschnörkelten Stuhl, der in dem mit Pflanzen überfüllten Wintergarten stand. „Na dann, lass es dir schmecken“, meinte Tante Rosa noch und nahm mit der kleinen Kuchengabel elegant ihr erstes Apfelkuchenstückchen zu sich.

Regentropfen klopften gegen das Glas des Daches, aber trotzdem hatte der gepflegte Garten nichts an seiner Freundlichkeit verloren. Die Spannung stieg mit jedem Stück Apfelkuchen in mir, bis ich dann fast platzte. Die Neugier krabbelte von meinen tiefsten Inneren durch meinen Bauch den Rücken entlang und bahnte sich den Weg zu meinen Mund, bis ich es nach einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr aushalten konnte. Jetzt frage ich sie. Ich muss es einfach wissen!  „Tante Rosa, ich habe gehört, dass der Brunnen eine Legende hat. Willst du mir nicht davon erzählen?“ Tante Rosa schaute verdutzt zu mir: „Nun, es soll ein Wunschbrunnen sein.“ Ich schaute etwas enttäuscht, da mir noch mehr erhofft hatte. „Und was ist mit der Legende?“ Tante Rosa legte den Kopf zur Seite, summte, als ob sie in ihrem Gedächtnis nach der Geschichte suchte und überlegte einen Augenblick: „Woher hast du das eigentlich gehört? Mmhh. Nun gut, dann erzähle ich sie dir.“

Nach einer langen Atempause begann sie dann: „Früher lebte hier eine arme Bauernfamilie mit vier Kindern. Der Brunnen soll schon immer hier gewesen sein. Keiner weiß, wer ihn gegraben hat. Die Familie holte ihr Wasser jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend aus diesem Brunnen. Eines Tages ging die jüngste Tochter Wasser holen. Sie sang ein Lied und als sie am Brunnen war, kam ein Echo aus den Brunnen hervor. Nichts besonderes, dachte das Kind, summte weiter und zog den Eimer mit Wasser heraus. Als das Echo aufhörte, obwohl sie sang, war das Kind verwundert. Was weiter war, weiß ich nicht mehr so genau, aber…“ Tante Rosa hielt für einen Moment inne und musterte angestrengt die Fliesen am Boden und hob ihren Zeigefinger. „…aber ich… ich glaube, ich habe noch ein paar alte Aufzeichnungen darüber auf dem Dachboden. Aber können wir das vielleicht später besprechen, Liebes? Du bist doch gerade erst angekommen. Pack erstmal deine Sachen aus und dann sehen wir weiter.“ Ich nickte, machte ein zustimmendes „Mm-mmhh“, da ich den Mund voll hatte und nicht unhöflich sein wollte und arbeitete genüsslich an meiner Milch und meinem Apfelkuchen weiter.

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