Gedanken(k)reise: Selbstlos

Selbstlos. Tausende Tote bin ich innerlich schon gestorben. Wenn ich auf andere sauer war und sie auf mich, habe ich innerhalb kürzester Zeit diese Wut auf mich gerichtet, weil ich diesen Schmerz anderen nicht antun wollte. Vielleicht war es auch deswegen, weil ich zeigen wollte, dass ich mehr leiden kann wie sie. Das kann ich gut. Leiden. Aber Schmerzen ertrage ich nicht. Wenn ich wirklich hinschaue, was der wahre Grund für den tiefen Schmerz ist, zerreißt es mich und ich sterbe wieder ein bisschen mehr als nötig ist. Wenn ich zugelassen habe, dass ich mich wieder so tief verletze, dass meine Welt auf mich hereinbricht, dann entsteht wieder dieses schwarze Loch in meiner Brust und die Kette um meinen Brustkorb. Dieses schwarze Loch ist wie ein eigenes Gravitationsfeld und saugt alles in sich hinein. Es ist sehr schwer und zugleich leicht. Ich habe dann das Gefühl, dass ich schweb und nicht wirklich Bodenhaftung habe. Die Kette schnürrt mir zusätzlich die Luft ab und die schwere Luft, die ich atme, fühlt sich wie flüßiges Feuer an, dass durch meinen ganzen Körper zirkuliert. Gleiderschmerzen und Fieber, Unterleibsschmerzen und Migräne zerfleischen mich. Die Herzstolperer fangen mit einem tiefen markerschütternden BUUMM an, die Luftröhre ist für ein paar Sekunden zu und ich kann wegen ein- noch ausatmen und versuche zu schreien. Aber ich muss warten, bis mein Herz weiterschlägt, um wieder atmen zu können.

Das leise fühlbare Knirschen tausender Scherzen mahlt durch meinen Körper und ist in den Schultern, wenn ich mein Ohr darauf lege hörbar. Das passiert mir jetzt das dritte Mal, wenn ich mein Selbst los bin. Selbstlos. Ich helfe gerne und denke mehr über andere nach, als über mich. Ich versuche, meine Zeit zu schenken, das zu machen, was sie nicht in dem Moment gut können, bei Krankheit zu pflegen und mich zu kümmern, wo ich nur kann. Ich halte mich zurück, bin geduldig, lächle, nehme die Angriffe und Vorwürfe ohne Gegenwehr hin, auch wenn ich denke, dass es einseitig ist und aus meiner Sicht die Dinge anders erscheinen. Ich lasse sie ihren Lernprozess durchmachen und hoffe, dass es mich befreit von der Schuld. Es ist eine Schuld, die ich bei jedem Einzelnen wieder gut machen will, obwohl ich logisch gesehen, gar keine Schuld habe. Es wird laut um mich, wenn die Welt auf mich zurück fällt, weil ich nicht weiß, wer ich selbst bin. Ich war immer eine Kopie von anderen. Schreiben war das Einzige, was mich wirklich ausgemacht hat. Meine Fantasie. Mein Reich. Ich habe andere Meinung immer annektiert, obwohl ich dachte, dass ich die Gedanken für mich umwandle. Insgeheim denke ich ganz anders, aber ich sage immer nur ja und Amen, um die Harmonie zu wahren, denn wenn sie denken, ich bin einer von ihnen, lassen sie mich vielleicht in Ruhe.

Wenn ich mich preis gab oder meine wahre Meinung, eckte ich immer an und entfachte Grundsatzdiskussionen. Die Leute haben sich komischerweise bei mir immer besonders gefühlt, anerkannt, verstanden, auch wenn ich ihre Meinung nicht teilte. Und kurz darauf entsteht immer eine Katastrophe. Drama. Die Leute verschwinden aus meinem Leben. Oder wollen mir unbedingt, ein Teil davon zu sein und mich erdrücken. Es gibt nur wirklich sehr wenige Menschen, die wirklich ein willkommener Teil von mir sind und ich von ihnen, aber das soll ja auch so sein. Bei mir waren immer die Extremen Selbsthass (Menschenhass) oder Euphorie (Menschenliebe). Momentan bin ich bei dem absoluten Nullpunkt angelangt, wo ich alles in Frage stelle. Ich weiß immernoch nicht, was ich will und wer ich bin. Wo mein Platz in der Welt ist. Jeder Weg, den ich bis jetzt gegangen bin, war lehrreich, aber es war nicht mein Weg, nicht mein Ding. Nicht rundum. Es fehlte immer irgendetwas. Jetzt stehe ich hier mit diesem Haufen gesammelter Erfahrungen und kann sie nicht anwenden. Was bringt es mir? Zu wissen was ich nicht will und ein kleiner Teil davon, was ich wollen könnte?  Ich bin nicht Supergirl! Ich stecke im Strom der Zeit fest, gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alles verschwindet in diesem schwarzen Loch. Komisch ist, dass es die Dinge, die es aufsaugt zu unmöglichsten Zeit wieder ausspuckt. Normalerweise würde ich ja denken, dass die Sachen wirklich vollends ins Nichts verwandelt werden, aber nein, es sind meisterhafte scharfkantige Scherben daraus komprimiert worden, die nur dem Zweck dienen, mich aufzuschneiden.

Der Schmerz ist eine Befreiung, wie der Geburtsschmerz, jedesmal. Ich verbrenne, um neu zusammengewürfelt wieder aufzustehen. Und dieses schwarze Loch ist wie ein Speicher, der die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen für mich in Gewahrsam nimmt, um sie mir bei gegebener Zeit wieder vor die Füße zu werfen. Wahre bedingungslose Liebe. Liebe ohne Bedingung, ohne Grenzen. Ein nobles Ziel, wenn man all die Bedingungen auflösen kann, das Ego transformiert, all die Verletzungen, Schmerzen und Leiden überlebt, die man nochmal durchmachen darf, die Spiegelungen übersteht, die eigene Welt verändert und die andere Welt hinnimmt und wartet, in der Hoffnung, dass sie auch ihren Weg findet. Habe ich mich verloren oder war ich nie wirklich da? Ich muss lachen wenn ich daran denke: Dein wahres Potential, dein wahres Ich. Reinste Energie, die sich verdoppelt, wenn du sie teilst. Dienen wir nicht immer irgendjemand oder irgendetwas? Einem höheren Zweck, dass größer ist als wir?  Sind wir nicht alle irgendwo ein bisschen Egoist, Egomanen, Egozentriker und Narzisst? Wenn ich jemandem zuhöre, dann stelle ich Fragen und wenn er meine Meinung hören möchte, erzähle ich ihm von meinen Erfahrungen, um ihm zu zeigen, wie ich es aus meinen Erfahrungen heraus gemacht habe und dass er nicht so handeln soll wie ich, weil es mein Weg war, sondern wie er es für richtig hält. Aber ich sage ihm nicht, was er tun soll, da es sein Lernprozess ist, nicht meiner. Ich stelle nur den Spiegel auf, damit er genauer hinschauen kann.

Ja, ein nobles Ziel: Selbstlos zu sein, ohne sich selbst zu verlieren…. Wenn du nur selbstlos bist, bist du irgendwann dein Selbst los!

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