Bonifatius-Route: Etappe I

sdc10179sdc10224sdc10211sdc10232sdc10216Meine erste Etappe auf der Bonifatius-Route fing bei mir zuhause an. Ich fuhr um 6:35 Uhr vom Bahnhof bei mir  in der Nähe los. Über Frankfurt am Main und Wiesbaden kam ich dann am Mainzer Bahnhof an. Es war eine Zeitreise durch meine Vergangenheit. In Wiesbaden ging ich 11 Jahre zur Schule. In Frankfurt habe ich gearbeitet. In Mainz stieg ich auf meinem Heimweg von der Schule manchmal aus, um noch etwas Zeit zu schinden.

Die ersten Zeilen, die ich in mein Pilgerbüchlein schrieb, ging über eine Unterhaltung dreier Männer, die hinter mir im Zug Richtung Frankfurt saßen. Es waren Afrikaner und der eine erzählte auf englisch seine Lebensgeschichte. Er erzählte von Religion, Glauben und dass seine Mutter schnell getötet wurde und sie nicht lange litt. Er meinte: Glauben und Familie ist das Wichtigste in unserem Leben. Wir leben hier in Deutschland sehr gut. 93 % der Weltbevölkerung leben schlechter, im Krieg, im Hunger, in Krankheit und Seuchen, in Wassernot und Armut.

Erinnerungen von 2004 bis 2014 rasen durch meinen Kopf, als wir nach Frankfurt fahren. Der Mann redet weiter über Morden, Politik und Tod. Er sagt: Ab dem Tag, wo wir geboren werden, sind wir zum Scheitern verurteilt. Sie wollen uns töten. Uns unsere Träume nehmen und unser Leben. Sie denken, sie sind allmächtig. Pflanzen uns ihre Glaubenssätze ein, damit wir uns ihnen opfern.

Als ich weiter von Frankfurt nach Wiesbaden fahre (der Zug, den ich mir ausgesucht hatte, gab es nicht), fahre ich an Höchst vorbei. Wie ein Wink des Schicksals. Hier liegen einige Dinge der Gegenwart in der Luft. Von diesem Bahnhof habe ich schon oft geträumt, so wie von dem Bahnhof in Bischofsheim. Er zeigt mir im Traum eine neue Lebensphase an. Eindrücke von einem warmen Winter ziehen am Fenster vorbei. Beziehungsprojektionen und Schatten nebeln meine Gedanken ein.

In Wiesbaden habe ich noch einmal einen Moment, um mich hier umzuschauen, wie nach 13 Jahren sich alles verändert hat und ich bin schockiert. Die letzten Jahre habe ich oft auch von diesem Bahnhof geträumt, wie er sich verändert und alles ist hier wie in meinen Träumen, obwohl ich das erste Mal nach 13 Jahren diesen Bahnhof betrete. Benommen steige ich in den Zug, der mich nach Mainz mitnimmt. Enten schwimmen auf dem dampfenden Wasser der Kläranlage. Der Nebel der Betonindustrieanlage Dyckerhoff fließt durch die umliegenden Wohnblocks. Von da aus verhüllt der Nebel den Rhein in eine Unendlichkeit, wie in meinen Träumen, die ich hatte.

Am Bahnhof angekommen, stellt sich mir der Mainzer Bahnhof so wie in meinen Träumen dar. Die Veränderung zu damals sind enorm aber ich fühle mich vertraut, da ich schon oft in meinen Träumen hier war. Mein Navi im Handy versagt und ich laufe einfach zur St. Stephan Kirche. Eine Frau weist mir den Weg: Einfach den Gleisen folgen. Vor der Flügeltür stecke ich die Metall-Jakobsmuschel in den Anstecker mit dem Symbol der Bonifatius-Route an und erbitte den Segen für diese Reise. Die Glocken des Doms unten in der Stadt leuten. Ich mache mich demütig auf den Weg, ohne zu wissen wolang. Ich folge meinem Gefühl und gelange schließlich zum Kreuzweg, der zum Eingang des Doms führt. Ein paar Obdachlose sitzen dort. Ich lächle und meine ‚Ich habe leider nicht mehr so viel Geld dabei und eigentlich ist das Geld für eine Kerze bestimmt, die ich im Dom anzünden will. Dann lege ich in alle drei Schalen meine Münzen hinein und eine Dame fängt mit mir ein Gespräch an.

Sie erzählt mir von ihrem Leben, dass sie in Jerusalem gewesen sei und fragt mich, wohin ich gehen möchte. Ich sage, ich weiß es noch nicht, aber meine Füße werden mich heute die erste Etappe des Bonifatiusweges tragen. Sie segnet mich, wünscht mir, dass ich es finde, nachdem ich suche, segnet meinen Weg, den ich gehen werde und mir kommen die Tränen. Ich gehe in den Dom, betupfe mich mit dem Weihwasser und setze mich in die letzte Reihe. Ich knie mich hin, falte meine Hände und bete. Meine Tränen hören nicht auf, ich fühle mich federleicht und erfüllt, etwas berührt meine Schulter und meine Stirn, aber es ist niemand da. In dem Moment, wo ich eigentlich meinen Weg fortführen möchte, beginnt die Heilige Messe. Zwei Soldatenartige Menschen begleiten den Bischof (so ist er gekleidet) mit Kirchenmusik. Demütig stelle ich mich zurück und senke mein Haupt.

Als sie hinter mir sind erklingen klare Stimmen. Sie singen das Vater Unser und meine Tränen strömen immer intensiver. Ich muss mich zusammenreißen, nicht zu schlurzen und diese Harmonie zu stören. Jedem, dem ich dort in dem Dom begegnet bin, habe ich eine kleine Kopfverneigung gegeben, so wie sie mir. Ich stand vor Bonifatius seiner Statue und berührte seine Hand. Es bitzelte sogar ein wenig. Vorher hatte ich zum Glück mein Handy auf stumm gestellt, denn meine Mutter rief an. Ich ging nicht ran, aber wusste, dass ich los muss.

Ich habe Höhenangst und bin alleine über die Theodor-Heuss-Brücke gelaufen, um in der Mitte meinen Mitstreitern, die mit mir wanderten, zu treffen. An dem Tag bekamen wir nur die Hälfte alle Pilgerstempel. Die anderen Kirchen waren verschlossen. Sie wurden zu oft beklaut. An der Rhein-Main-Gabelung fanden wir Permutt-Muscheln, die wir sammelten. Bei Hochheim in den Weinbergen machten wir Mittag. 24 Kilometer. 5:30 Stunden. Es ist meine spirituelle Reise. Jeder Glauben, jede Religion ist ein Puzzlestück des Ganzen. Was diese Pilgerreise noch für mich bereit hält, vermag ich nicht zu erahnen. Die Reise geht innerlich auch weiter in der Zeit, wo ich nicht wandere. Pilgern ist für mich Beten mit den Füßen. Ich habe meinen Glauben für mich schon ein ganzes Stück weiterentwickelt, auch durch meine Erfahrungen, die ich in den Jahren gemacht habe. Diesen Artikel wollte ich als Nachbereitung schreiben. Das war mein Tag am 19.02.2017.

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