Himmelreich auf Erden – Heaven’s Sky (1)

Vielen Dank an den Bloggerin von Offen schreiben für diese Inspiration.

Schreib mit mir Teil 9

Die Welt ist überbevölkert und der Platz geht aus. Deine Protagonistin wohnt im obersten Teil der Stadt. Ihre Nachbarin ist eine rothaarige junge Frau, die mit ihrer schüchternen, freundlichen Art und Sommersprossen im Gesicht aus der Masse heraussticht und der Protagonistin öfters über den Weg läuft. Warum wohnen sie ganz oben? Wie sieht ihr Leben aus?


Von hier oben kann ich den Smog in der unteren Stadt als eine silberne Decke sehen. Ich war noch nie in der unteren Hälfte der Stadt, aber stehe gerne hier an der Treppe und frage mich: Was wäre wenn doch? Der Wind weht schmeichelhaft an meinem Ohr vorbei, flattert durch meine indigoblaue Bluse, meiner grauen Leinenhose und dem locker kupferrot zum Zopf geflochtenen schulterlangen Haar. Na klar habe ich schon viele Gerüchte gehört, aber der Weg dorthin ist für normale Bürger versperrt. Es gibt mehr Barrieren im Kopf, als hier oben, aber das Gefühl, frei zu sein wie der Wind, der überall hinwehen kann, wo er will, gibt mir ein Gefühl von Fliegen, wenn ich hier an der Reling stehe. Die Wege hier oben sind durch Brücken verbunden. Eine dauerhafte Höhenangst ist eine Volkskrankheit geworden. Aber wen interessiert das schon. Hier oben ist unsere kleine wundersame Welt die schlichten Köpfe der Wolkenkratzer. Die kleinen grünen Pflänzchen, die bei den Wohnungsbalkonen herunter hängen, um die ersten Sonnenstrahlen zu erhaschen, sind eine Wohltat für jedes Auge, neben dem ganzen Grau und weiß.

Ich wollte mich gerade auf den Weg zur Haltestelle auf dem Dach der Schwebebahn machen, als ich gestoppt werde. Vor den Kiosk ist eine riesige Menschenschlange mit allen möglichen Düften und Blautönen und versperrt mir den Weg.  Auf eine der digitalen Zeitungen ist die Schlagzeile: „Wieder ein Fehlschlag! Reichenviertel bleibt gesperrt!“ Das Reichenviertel ist unten im Smog. Der perfekte Ort, um Ruhe vor dem sterblichen Volk zu haben. Im Smog kann man nicht lange überleben. Er ist für alles Leben tödlich. Zumindest wollen sie uns das weiß machen, den getestet hat das noch keiner. Jedenfalls keiner, den ich kenne. Sie versuchen schon seit Wochen, den Smog wiedermal zu neutralisieren. Bis jetzt war er auch noch nie so widerspenstig gewesen, angeblich. Aber ich denke, dass das nur eine Geschichte ist, für uns, damit wir denken, wir haben keine Wahl. Die Reichen bauen dort ihr eigenes kleines Paradies mit eigenem Biotop und Natur unter Glasglocken. Bäume schlummern nur noch in meinen Träumen. Ich würde mich so gerne an ihre Wurzeln legen. Sie sind bestimmt sehr kraftvoll und haben eine eigene Sprache. Ich würde sie gerne kennen lernen. Wenn sie erzählen könnten, was sie alles gesehen haben….

Die Menschen wurden vor langer Zeit in die Städte umgesiedelt. Der Meeresspiegel steht bereits 2 Meter in unserer Stadt. In anderen Städten sind es noch mehr. Wie der Ort früher hieß, weiß ich gar nicht. Es ragen nur Spitzen aus dem Nebel, die ich nicht genau erkennen kann. Ich stehe oft an den Abgrenzungen und schaue nach unten, bei fast jeder Gelegenheit. Aber das ist verpönnt. Man schaut nicht in die Vergangenheit. Das gehört sich nicht. So konditioniert man uns. Der Himmel blau, die Kleidung blau, der Nebel und die Gebäude grau sowie unsere Hosen und schwarze Schuhe; ein Symbol, dass wir nicht den Dreck wert sind. Alle anderen putzen ihre Schuhe spiegelklar. Meine hingegen finden keine Beachtung. Deswegen werde ich regelmäßig ermahnt. Das wäre nicht nur ein Regelverstoß, sondern Missachtung der Obrigkeit. Meine Gedanken sind wohl auf meinen Gesicht geschrieben, denn neben mir erscheint Jenny, meine Nachbarin und mustert mich. Jenny meine Nachbarin, eine sommersprossige Feuertüte, die durch ihre quirlige Art hervor sticht. Sie will auch auf die Arbeit. Sie lehnt sich zu mir und flüstert, damit keiner etwas mitbekommt: „Hast du schon gehört, dass wir die Stadt bald nicht mehr verlassen dürfen? Ich habe neue Wachen an der Stadtgrenze gesehen.“

Die Wachen beobachten alles. Letztens habe man angeblich Wachen an den äußeren Grenzen aufgestellt, um das Wasser zu beobachten.Vielleicht kommt die Flut auch zu uns. Jenny ist Bahnkontrolleurin. Sie kommt in der Stadt weit herum. Sie kennt sogar die Verbindungswege zu den anderen Städten. Zu Weiterbildungen darf sie auch dorthin reisen. Solche Jobs sehen mehr von der Welt, als die anderen Arbeitnehmer. Sie hat es schon lange durchschaut und mir davon erzählt. Es geht nicht darum, die Bahntickets zu kontrollieren. Heutezutage geht es nicht mehr um Geld. Das haben die Reichen. Es geht um unsere Identität, unseren physischen Wert. Jenny kontrolliert die Bahntickets in der DNA mittels eines Scanners. Das ist eigentlich völlig sinnlos, da jeder einen Chip implantiert hat, der die Informationen an die Stadtzentrale weiterschickt. Sie wissen fast alles. Selbst unsere hormonelle Zusammenstellung. Wir werden in Mathematik analysiert. Ein Computersystem protokolliert und kontrolliert die Werte und Parameter. Die Schatzzentrale wird angeblich immer noch von Menschen beschäftigt. Es gibt viele sinnfreie Beschäftigungen. Es sind eben nur Beschäftigungen, mehr nicht. Aber was sie mit unserer DNA machen wollen, weiß ich bis heute nicht.

„Wo musst du heute hin?“, offenbart Jenny ihr Interesse im leiseren, aber unauffälligen Ton. „Ich habe heute ein Bewerbungsgespräch. Die brauchen eine neue Arbeitskraft im Betreuungsinstitut“ stimme ich leise vollstens überzeugt. „Betreuungsinstitut also. Ich habe gehört, die suchen bei der Energieverwaltung Leute. Vielleicht wäre das was für dich“, meint Jenny auffallend beiläufig. Das Rumoren in der Menge wird lauter, als einige Aufseher in die Reihen eintreten: „Joi (Geht zur Arbeit)!“ Normalerweise rufen sie immer ‚Stig birl par  Lerminamar! Bersi Fum. De’einirag! (Eure Aufgabe ist, einer höheren Sache zu dienen! Das ist eure Bestimmung. Folgt den Regeln!)‘ Die Tiere wurden in die Reichenviertel in Zoos gebracht. Sonst wären noch mehr Todesopfer zu beklagen. Deswegen sind sie so streng. Die Erde ist am Ende. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Mutter Natur uns den letzten Todesschlag versetzt. Früher waren es die Religionen, die unseren Glauben gestärkt haben. Die Hoffnung, dass wir gerettet werden, wenn wir uns an die Regeln der Glaubensbüchern halten, lebte damals noch. Dass es etwas gibt, an dass wir glauben konnten, erhielt uns am Leben.

Seitdem sind die Gottheiten wieder von dem Himmel aus den anderen Dimensionen hinabgestiegen sind, hat sich alles verändert. Als Kompromiss, dass sie uns nicht zerstörten, haben die Menschen sich untergeordnet. Wir sind ein Experiment gewesen, haben sie uns gesagt, und wir haben versagt. Nun werden wir bestraft. Menschen verschwinden, wenn sie nicht gehorchen. Wohin, weiß niemand. Demut. Ehrfurcht. Angst. Es gab eine Gottheit, damals, die geblieben war, nachdem alle anderen Gottheiten sich zurückzogen. Er formte das Geschehen und den Glauben der Menschen. Was bleibt uns jetzt noch? Alte Glauben gibt es schon lange nicht mehr. Aber eine neue Hoffnung. Der Glauben, der geblieben ist, ist der Glauben an alles und nichts. Dass wir aus dem Nichts entstanden sind und dort wieder zurück kehren. Das, was das ganze Universum zusammen hält. Das Nichts niemals je verloren geht. Das die Zeit unendlich ist und vor dem letzten Urknall unzählige weitere Multiversen waren und uns die Dimensionen und Universen erschaffen haben. Jenny merkt meinen inneren Monolog und tritt mir auf die Füße, um aufmerksam zu sein.

Die Hoffnung, die wirklich besteht, ist, dass es in einer dieser Dimensionen jemanden gibt, der alles vereint. Das würde auch heißen, dass die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr existieren wird und wieder etwas Neues entstehen wird. Ein neuer Versuch. Wieviele Versuche haben wir schon hinter uns? Ich habe irgendwo gehört, dass die Glaubensbücher Quantenphysik für 5 Jährige gewesen seien. Wenn die Glaubensbücher alle zusammen wie ein Puzzle sehen könnte, hätte man die Antwort, wie das Universum funktioniert. Das wäre für mich die Aufgabe meines Lebens. Mein Sinn, es herauszufinden, aber wir haben keine Bücher mehr, keine Schriften, keine Kopien. Sie sind verboten. Sprache ist die Definition unserer Welt. Je reicher unser Wortschatz, umso mehr Namen kennen wir für Dinge, die wir kennen. Deswegen haben wir die Sprache zu einer universellen Sprache reduziert. Damit haben sie uns auch die letzte freie Fantasie geraubt. Von den ganzen supersensiblen Menschen leben nur noch wenige versteckt. Die Meisten wurden enttarnt und werden nun kontrolliert durch Tabletten, die natürliche Filter aufbauen. Die Propaganda verspricht besseres Leben. Wahrscheinlich, weil man dann den Anderen mehr gleicht und nicht ausgeschlossen wird.

Sie wollen, dass wir alle gleich sind. Aber wie gleich ist gleich? Wie einzigartig ist Einzigartigkeit? Unsere Erlebnisse und Erinnerungen gleichen sich immer mehr einander an. Je sturer wir werden, umso mehr brechen sie uns. Die Schmerzen, die eigentlich daraus resultieren sollten, werden durch Medikamente getötet. Gefühle werden gepriesen und Fakten werden gepriesen, aber nur als Vorwand, um uns glauben zu lassen, dass sie gut sind. Sie kommen mit guten Vorsätzen, nur um noch mehr zu zerstören. Der Untergrundglauben sagt: ‚Denke mit dem Herzen und fühle mit deinem Verstand!‘ Sie nennen sich selbst ‚TRAUMTÄNZER‘. Woher ich das weiß? Aus einem alten Tagebuch, welches ich gefunden hatte, als ich klein war. Für diese Menschen ist es das größtmögliche Kompliment. Alle Information, die ich über sie aufschnappen konnte, habe ich in meinem Kopf gespeichert oder in verdrehten Wortcodes in meinem Tagebuch niedergeschrieben. Was ich in meine Tagebücher schrieb, war über die heutigen Glaubenssätze, sodass ich nicht auffalle. So hoffe ich es zumindest. Aber ich fühle, dass ich bereits seit damals, beobachtet werde.

Die Menge löst sich auf, im strammen Schritt, als die Bahn ankommt. Wie Ameisen, die in eine Richtung geführt werden, strömen wir in die Sardinenbüchse. Ich hasse diese Enge. Es stinkt. Überall Klamottenkontakt. Ekelhaft. Ich drücke mich ans Fenster, um den Blick nach außen zu inhalieren. Jenny habe ich in der Masse verloren. Irgendwie ging dieses Eintreiben zu schnell. Boah, dieses Herdenverhalten! Ich schau aus dem Fenster und plötzlich vibriert mein Arm. Mit viel Mühe wurschtel ich mich mit meinem Arm zum anderen und drücke. „Steigen Sie nächste Station aus. Wir erwarten Sie.“ Das war eine prägnate Anweisung. Der Knopf in meinem Ohr vibriert wieder. Ohne einen Ton endet das Gespräch. Das ist jedes Mal ein widerliches Gefühl. Mich beschleicht ein unwohles Gefühl. In einer alten Sprache? Sie wissen es! Bei der nächsten Haltestelle befindet sich die Zentral-Bibliothek, ein nostalgisches Wort für eine Hightech-Anlage der Wissensarchivierung. Mein Blick kemmt die Menge durch. Jenny ist nur ein paar Köpfe weiter.

Früher dachten die Experten, dass die Überbevölkerung das Problem werden würde, aber das hat sich geändert. Vielleicht ist es besser, dass es anders gekommen ist. Nun leben wir wie Laborratten. Menschen sind dumm. Was könnte ich Mutter Erde schon sagen, warum wir es wert sind zu überleben? Die Vulkane auf der ganzen Welt brechen immer wieder aus. Die Welt kehrt sich nach außen. Ohne Chaos wäre die Welt von Anfang an nicht entstanden, aber dass sie auch so enden mag? Haben wir das wirklich verdient? Gab es nicht einmal die Zeit des Erwachens und der Liebe? War denn alles so schlecht? Tsunamis rollen über die Meere, als ob die Erde die Masse an Tränen in Trauerschreien über uns ergießen will. Stürme zerstörten schon in der Vergangenheit ganze Landabschnitte und Dörfer. Wofür ist die Menschheit noch gut? Die Menschheit rottet alles Leben und Nichtleben aus, dazu zähle ich auch die Erde. Sie lebt. Sie ist ein Teil von uns. Wir brauchen sie, aber sie braucht uns nicht.

Nicht nur, dass die Körper mich an meine Grenzen quetschen, jetzt kommt auch noch dieses Zittern und die Fluchtsucht hoch. Ich hatte noch nie ein Gespür für diese doofe Universalsprache, aber gerade wünscht ich mir, ich könnte Jenny auf mich aufmerksam machen. Mist! Was soll ich jetzt machen? Überall sind Kameradroiden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als auszusteigen.


Kapitel 2

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6 Kommentare zu „Himmelreich auf Erden – Heaven’s Sky (1)

      1. Danke für deinen Segen, hihi. Deine Idee hat mir eine ganze Welt oofenbart. Wirklich faszinierend. Ich schau mir auf jeden Fall deine anderen SCHREIB MIT MIR Projekte an 🙂

        Gefällt 1 Person

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