Illusion und Wahrheit: Kapitel 5

Dies ist eine Geschichte, wo du entscheiden kannst, was wahr und was Illusion ist.

Prolog Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4


Kapitel 5

Mein Körper ist anwesend, aber ich bin ganz woanders. Der Tag vergeht, ohne Spuren zu hinterlassen. Ein Tag, der sicherlich nicht ein aktiver Teil meiner Erinnerung wird. Aber solche Tage soll es ja auch geben. Solche Tage gab es schon viel zu oft, eigentlich. Tage, wo ich die Zeit aus Ungeduld töte, damit das Warten verschwindet. Einfach so. Einfach so, das habe ich auch schon unzählige Male getan, weil ich Angst vor einer aktiven Entscheidung hatte. Aber eine Nichtentscheidung wird auf Dauer auch eine Entscheidung, wie sich heraus stellt. Abends schaue ich der Sonne zu, wie sie sich vom Tag verabschiedet. Auf dem Balkon, der Richtung Westen Ausschau hält, sitze in meinem Holzstuhl, verschränkt, mit den Beinen und Armen verknotet und verträumt. Mit meinen Gedanken diskutiere ich feurig. Impulsiv. Unlogisch. Teilweise rutschen mir aus lauter Verzweiflung, gepaart mit Wut, laut die Worte aus dem Mund, ohne das es mich interessiert, ob jemand zu hören kann oder nicht. Ich gestikuliere wild mit dem ganzen Körper von den Zehen, die nur in Socken gekleidet sind, bis hin zu den Haarspitzen, die willkürlich im Wind als kleiner Tornado herum gepustet werden.

Warum? Warum jetzt wieder? Warum gerade jetzt? Warum letzte Nacht? All die Zeit wollte ich mit dir sprechen und letzte Nacht, da kommst du einfach wieder und verlangst, dass ich dir für deine Abwesenheit dankbar bin? Naja, irgendwo bin ich ja froh. Aber ja, ich war nie alleine, ja, das hast du mir ja gesagt. Aber irgendwann zweifle ich eben auch. Ich bin nur ein Mensch! Ein kleiner Fleck auf einem kleinen Punkt am äußeren Rand dieser großen Galaxie… Ach Mensch, ich will wütend sein. Warum kann ich das nicht? Weißt du eigentlich, was ich alles durchgemacht habe? Ich habe meine Geister gefüttert. Ja, gefüttert, mit Angst. Sie kamen aus meinem Unterbewusstsein und materialisierten sich als Schatten. Ich habe mich so verfolgt gefühlt. Und dann noch die Ablehnung und die Panik in den letzten Jahren. Dieser Verlust. Ging das nicht anders? Warum kann ich nicht mal etwas finden, was zu mir passt? Ja, was passt zu mir, wenn ich nicht weiß, wer ich bin, aber alle anderen glauben, es zu wissen…. Jaja, schon kapiert. Aber wie soll ich ein Leben leben. Was ist das überhaupt? Ich bin deine Marionette. Die Marionette von jeden, dem ich begegne.

Warum musste ich diese grausamen Erfahrungen machen? Weil nur ich sie auf diese Weise verstehen kann? Ist das so? Ich habe dir immer blind vertraut. Aber vielleicht ist es ja mal an der Zeit zu hinterfragen. Vielleicht bist du ja auch ein Dämon, der zwar seinen Kumpels nicht Schaden will, aber mir auch Hilfe anbietet. Oder… vielleicht ist das ja ein Freund von dir, der mir das antut, weil es zu euren perfiden Plan gehört und du für den anderen Teil verantwortlich bist, der mich schützt, damit nicht noch mehr Chaos entsteht und ich wirklich vor die Hunde gehe. Denn ich muss ja noch solange leben, bis euer Plan aufgeht. Gestehe mir diese Gedanken wenigstens zu. Ich bin verletzt und traurig, weißt du. Ein kleines Kind, das nicht benutzt werden will. Euer Werkzeug zu sein, dazu muss ich nicht durch meine persönliche Hölle gehen. Aber vielleicht, vielleicht…aber nur vielleicht habe ich nur so lernen können, was ihr mir versucht, beizubringen. Ach, das ist mir zu kompliziert. Ich muss es nicht mehr verstehen. Ich wollte es, aber das ist eine Torheit. Wirklich…

Warum? Warum muss es so schwer sein. So schwierig? Ich bin keine der Heldinnen, die in einer großen Geschichte spielt. Habe ich eine Wahl? Nein. Wurde ich gefragt? Vielleicht. Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich bin so müde. Irgendwann muss es doch mal weitergehen, aus diesem Sumpf raus. Es hat schon fast alle meine Kräfte verzerrt. Mehr als die Hälfte meines Vegetierens gekostet. Soll ich aus dem allerletzten Funken explodieren? Jaja, es braucht nur einen Funken, um eine mächtige Flamme zu werden, aber das hilft mir jetzt nicht. Diese neunmalklugen Sprüche, davon hatte ich schon genug. Ich bin unflexibel geworden, eingeschränkt, gefangen. Ich schrumpfe und werde immer kleiner. Bald bin ich nur noch ein Häufchen Asche. Aber das kann ich mir nicht leisten. Je näher ich komme, umso verlorener fühle ich mich. Alles aufgeben müssen, das ist dann mein letzter Ausweg. Willst du das?

Die ersten Sterne zeigen sich. Nautische Dämmerung. Fast Nachtlicht. Die Kälte lähmt. Die Hitze entweicht der Erde und mir. Es wird still. Die Vögel hören auf zu zwitschern. Nur in der Ferne rollen die Reifen auf Asphalt, um ihr zuhause schnell und sicher zu erreichen. Ich bin müde. Aufgebraucht. Wüstenhaft. Schwermütig. Die Nacht verspricht nichts Gutes. Die Stille ist unerträglich laut. Tränen, flüssiges Feuer, was sich in meine Haut brennt bis zu meiner Brust. Ein scharfer Stich. Meine Augen drücken sich aus den Höhlen. Ein hohler mächtiger Trommelschlag, die die Klappe meiner Luftröhre schließt. Ein Gefühl des Ertrinkens und dann ein schnelles Stolpern, die meine Brust rundum einschnürt. Mit einem elend tiefen Zug atme ich das gasförmige Leben ein. Wieder ein Herzschlag weniger, denke ich mir und schlüpfe in Panik durch die Wohnzimmertür.


Kapitel 6

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s