Himmelreich auf Erden – Heaven’s Sky (2)

Kapitel 1


Ich folge dem Strom an Menschen zum großen Platz vor der Biobliothek. Dort verteilen sie sich zielstrebig. Wenn ich stehen bleiben würde, wäre es eine perfekte Falle. Also gehe ich weiter Richtung Stufen. Mein Schritt ist kontrolliert, obwohl ich laut meines Donners in der Brust rennen könnte. Die Wache an der gläsernen Flügeltür entdeckt mich, als ich die sieben Stufen empor steige. Er deutet eine Verbeugung an, ohne den Blickkontakt zu suchen und bittet mich mit eine Handbewegung, einzutreten. Seltsam. Die sich spiegelnden Sandsteinfliesen geben mir ein zusätzliches Unbehagen. Heiliger Boden. Ich dürfte gar nicht hier sein! Mitten im Eingangssaal posiert eine Gestalt auf einer geschwungenen bäigen Lederliegecouch. Der Geruch vom verkohltem Fleisch durchflutet den weitläufigen Raum. Es rührt sich nicht und beobachtet genüßlich meine zitternden Knie. Wir sind alleine. Nur das Klackern meiner Sohlen bricht sich an der weitentfernten Marmortreppe. Meine pulsierenden Ohren lassen kein anderes Geräusch zu mir durchdringen. Ich fokussiere mit hoher Genauigkeit jede noch so kleine Bewegung.

Gierig zieht sie mein Sein mit einem Nasenzug ein und schaudert bei der kleinen Ekstase, als ich einige Schritte von ihr entfernt vor ihr stehe. „Du bist wie immer ein Gaumenkitzel meine Süße. Och, bist du enttäuscht mich zu sehen? Ich dachte, so wäre es angenehmer für dich.“ Ihre Mimik zeigt mir, wie sehr ihr es Freude bereitet, mich in solche Situationen zu bringen. „Dieser Fetzen, den du trägst, ist ja eine Beleidigung. Schämst du dich nicht? Du bist so sinnlich! Ich habe dein kleines Herzchen bis hier hin gehört. Eine Symphonie!“ Voller Begeisterung windet sie sich wie eine Schlange auf dem Sofa und streckt die Arme in die Höhe. „Hat dir mein kleiner Klingelstreich gefallen? Ich habe einen neuen Sklaven gefunden, der mir gute Dienste leistet. Ach und keine Sorge, uns kann niemand sehen oder hören. Fühl dich also frei!“ Ich verharre in meiner Starre, denn bei ihr muss ich vorsichtig sein. Ihre Worte sind Gift. Ein Seufzen bebt in ihren Körper und die galanten langen Beine springen auf, um ihr violettes bodenlanges Seidenkleid zu entfalten. Mit flügelleichten Schrittes umgarnt sie mich mit einer beunruhigenden Lust. Es ist unheimlich. Ihre gepflegten Fingernägel wickeln meine Wutlöckchen in ihre Fänge. Dicht an meine Ohren säuselt sie: „Ich bin doch die Letzte, vor der du Angst haben solltest. Ich bin dein Schutzdämon, weißt du nicht mehr. Diejenige, die dir alles gibt, was du begehrst.“ Sie führt mit wellenartigen Bewegungen ihrer Fingerspitzen im Kreis an meiner Kleidung entlang, einen hinab führenden Kreis zu meinem unteren Rücken.

„Führe ich hier etwa Selbstgespräche? Komm schon mein Engelchen, entspann dich! Nur weil ich süchtig nach dir bin, kann ich mich trotzdem beherrschen.“ Ein Tonfall von Ironie und Enttäuschung schwingt in ihren Worten. „Du hast ein Schutzschild, schon vergessen? Ich könnte dir sowieso nichts tun. Du bist MEIN Schützling. Ich bin dir verschrieben, zu tiefst deine ergebene Dienerin.“ Sie kniet sich vor mir und nimmt meine linke Hand, um sie zu küssen, aber ich kann nicht. Meine Hand hat ihre eigenen Wünsche und zieht sich zurück. „Deine Zurückweisung ehrt mich. Undankbarkeit. Wie köstlich.“ Ein quietschendes Kichern durchzuckt meine Wirbelsäule, als sie sich aufrichtet und anmutigen Hüpfens wieder auf der Couch ausbreitet. Allmählich bekomme ich die Kontrolle über meine Sinne zurück. Ich konnte mir den Vorwurf nicht verwehren: „Das letzte Mal kamst du auch mit guten Absichten. Danach hatte ich drei Wochen lang diese abscheulichen Alpträume.“ Wissenden Lächelns und mit einem Kopfschütteln begutachtet sie ihre Füße: „Das waren Erinnerungen, Baby. Danach hattest du doch verlangst?“ Von einem unschuldiger Seufzer begleitet, setzt sie sich auf und klopft auf den Platz neben sich. „Komm her. Nun trau dich schon. Ich beiße nicht.“ Der scharfe Tonfall bedeutet nichts Gutes. Jetzt beobachtet sie jede meiner Bewegungen.

„Der Deal. Ich habe etwas für dich.“ Mein Herzschlag verlangsamt sich zu einer Nüchternheit, mit der markerschütternden Erkenntnis, dass die Träume real sind. Behutsam setze ich mich an den Platz, nur um noch mehr von ihr bedrängt zu werden. Ihre Nase türmt sich vor meinen Mund, der mit ihren Blick gekrallt wird. Jeder meiner Atemzüge ist ihr Rausch. „Diesmal will ich mehr. Es war nicht leicht und ich bin hungrig. Was bietest du mir an?“ Mit wachsender Scham zeichnet sich ein Film in mir ab. Was kann ich ihr geben, was nicht unersetzlich kostbar ist? Alles ist unwiederbringbar, aber vielleicht könnte ich sie austricksen. Ich schließe meine Augen. „Du darfst für einen Zeitpunkt, den ich entscheide, meinen Körper besetzen. Für jetzt darfst du die Gefühle von mir teilen, die ich dir gestatte.“ Die Falten in ihrer Stirn verraten ein tieferes Verlangen: „Das ist sehr nobel von dir, aber das hier ist mehr, viel mehr wert.“ Ihre giftgrünen Augen blitzen mit einem schlagenden Hieb in meine Iris, als ich meine Augenlider öffne. „Ich will dich mit deiner Erlaubnis begleiten. Nicht nur heimliche Beobachterin sein. Das ist einfach zu groß, als dass ich es verstreichen lassen könnte.“ „Tagsüber, die Nacht gehört mir.“ Ich bin mir nicht im Klaren, was ich da mache, aber nun habe ich es gesagt.

„Deal. Zuerst dein Anteil, bevor du kneifst.“ Mit einem triumphierenden Lächeln streckt sie ihre rechte Hand aus, ich meine Linke. Mit dem Zeigefinger nach oben gerichtet, umfassen wir unsere Handflächen. Dann legt sie ihren linken Zeigefinger mit einem Ruck auf die Stelle zwischen meinen Augenbrauen. Was ich bis jetzt nur in meinen Träumen erlebte, wird nun physisch. Ein beklemmender Druck baut sich auf. Der Kreislauf aus sprühenden Funken und wasserströmenden silbernen Energiefäden umschließt unsere Hände, wandert zu meinem Herz und schießt in meine Stirn. Bei der Wucht, werfe ich meinen Kopf in den Nacken, ein unerträglicher Schmerz durchzuckt meinen Körper. Ich halte die Luft an, um nicht zu ertrinken. Eine Blase bildet sich um uns herum. Die Energiefäden werden immer breiter, deutlicher, heller. Ein weißer gleißender Lichtstrahl fährt durch meinen Scheitel hinab zu meinem Steiß. Das Bewusstsein eines Seelenlebenzeitalters gleitet mit aller Macht in mich hinein. Geburtsschmerzen zerreißen mich. Es benebelt mich. Die Dunkelheit hüllt mich sanft in eine barmherzige Nacht. Dann ist es still und ich falle.

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