Illusion und Wahrheit: Kapitel 6

Dies ist eine Geschichte, wo du entscheiden kannst, was wahr und was Illusion ist.

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Die Nacht hat erst begonnen, aber schon jetzt fühlt sie sich unheilvoll an. Vielleicht hätte ich nicht so forsch sein sollen. Vielleicht sollte ich wirklich zu ihm. Vor ein paar Wochen habe ich den Kontakt abgebrochen, weil es zu gruselig wurde. Ich gehe in die Küche und hole mir ein Glas stilles Wasser. Eine Flasche Rotwein glotzt mich an. Betäuben! Ich trinke auch nicht zu viel. Versprochen. Nur, um meine Nerven zu beruhigen. Die Flasche kommt mit. Ein schönes großes Rotweinglas platziert sich vor mir, als ich die Tageslichtlampe, die hinter der Couch versteckt liegt, anknipse und mich auf die Couch setze. Genug. Einen Moment Ruhe. Die Tür zum Flur bewegt sich ein Stück, aber ich will es nicht sehen, nicht spüren, nicht bemerken und keiner Aufmerksamkeit würdigen. Der Wein schmeckt nach Vergessenheit. Süßlich. Unschuldig und nach mehr. Ich trinke nur sehr selten, aber jetzt wie eine Gewohnte. Ein Schluck nach dem anderen ergießt sich in meinem Mund. Abgelenkt genug, um es nicht zu merken.

Es krabbelt so schnell in meinen Nacken, dass ich nichts mehr dagegen tun kann, was auch dem Verdienst des Weines geschuldet ist. Mein Körper gehorscht nicht mehr meinen Willen. Er ist gelähmt, sowie meine Gedanken. Meine Umgebung verwandelt sich in weiß. Die Möbel verschwinden, der Boden wird weich. Blitze zucken. Etwas legt das Glas auf den Tisch, um mir seine Macht zu demonstrieren. Ich versuche zu blinkeln, die Formen wiederzuerkennen. Das Ding aus meinen Kopf zu schütteln, aber der Griff ist fest. Ich bäume mich auf, denn ich hasse es, besessen zu sein. Ein lautloser Schrei erklimmt meine Kehle, um die Kraft freizusetzen. Aber der Schrei erstickt mich. Dafür bekomme ich keine Luft mehr und muss dem Schrei noch mehr Nachdruck verleihen. Ewige Momente sitze ich da. Ein eisenbeschlagenes Tor, moosbedeckt, rostig, von der Zeit gezeichnet. Meine Hand klopft dreimal im hallenden Schlag. Ich werde noch näher geführt, drücke die Flügeltür. Ein Kratzen und Quietschen begleitet das Holz auf seinen Weg. Zuerst blendendes Licht, dann eröffnet sich ein Kieselweg, kleine weißknirschende Steinchen, die meinen Fußabdrücken weichen, als ich auf sie hinab schwebe. Mein volles Gewicht drückt mich auf den Boden in die Knie.

Mit fürsorglichen, aber elterlichen Druck soll ich weitergehen. Durch meine Augen, einem Schlüsselloch auf meinem Gefängnis, eröffnen sich die im Wind schweifenden Wiesen in voller Pracht. Ich will nicht, weigere mich, bäume mich gegen den fremden Willen. Der Nebel zieht sich zurück, wo vorher noch unendliche Grenzen gemauert waren. In der Ferne funkelt etwas, ruft mich mit einem Gefühl des Schicksals. Es ändert mich. Plötzlich ist die eisige Umklammerung weg und materialisiert sich in ein kleines hundeartiges Ding, um als menschliche Figur aufzustehen, um sich schuldbewusst in Demut vor mir zu verneigen. „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“ flüstert die kindliche Stimme. „Sie wollte, dass ich dich hierherbringe, Gebieterin.“  „Ich bin die Schuldige!“, ertönt eine anmutige, aber herrische andere Stimme. Eine frauliche Gestalt, hochgewachsen und edel gekleidet, stapft uns entgegen. „Du musst mit ihm sprechen, auch wenn du nicht willst! Es ist deine Pflicht mir gegenüber!“ Ich erkenne das Gefühl, was ich mit dieser Anwesenheit verbinde und stelle mich aufrecht hin. „Du bist, du bist…“, stolpert es ungläubig aus mir heraus.

„Lucremeril, deine ergebene Dienerin.“ „Dämonin trifft es wohl eher“, speie ich aus. „Wenn dann Schutzdämonin, bitte. Höflichkeit muss sein.“ Verbittert und im Schmerz getunkt, fletsche ich die Zähne. „Ein Lächeln habe ich nicht erwartet aber meine Hochachtung: Freundlich wie immer!“ „Diese Plänkelei ist doch nur Zeitverschwendung“, zische ich verachtend. „Nunmal langsam meine Liebe. Das habe ich nicht verdient. Ich will dir doch Gutes, dir helfen.“ Ich runzel die Stirn und stammele: „Das kenne ich irgendwo her.“ Weitschweifend schlendert sie an mir vorbei. „Sei gütig mit mir. Ich schätze dich für deine Freundlichkeit. Jeder kann dich schlecht behandeln und du macht nichts dagegen. Da muss ich doch handeln!“ Damit will sie wohl auf einige unerklärliche Situationen anspielen. Hochmütig fährt sie unbehelligt fort: „Du musst dich eines Tages deinem Schicksal stellen.“ Mit einem gekonnten Augenrollen krächze ich: „Das will ich aber selbst entscheiden.“ „Tzzz, eigener Wille, so ein Luxus können sich nur normale Menschen leisten, meine Süße. Sei nicht so naiv.“ Das wird mir jetzt zu blöd. Ich drehe mich zu ihr um: „Was willst du wirklich Lucremeril?“ „Meinen rechtmäßigen Platz. Was sonst? Du musst wieder in deine Traumwelt oder wie nennst du das nochmal? Ach egal. Mit dir haben sie auch mich ausgeschlossen. Das ist unfair, findest du nicht? Dafür ist jemand anderes da. Aurélia. Die ist ja uuunmöglich.“

Meine Anspannung erhöht sich zu einer dramatischen Gedärmewinden. „Du kennst dieses Biest doch? Deswegen ist das hier wichtig, egal ob du willst oder nicht.“ Erwartungsvoll starrt Lucretia mich an. „Na muss ich denn wirklich alles machen? Ihre eigene Prophezeiung?“ Mir dämmerte etwas, aber ich war noch nicht soweit in meiner Erinnerung vorgedrungen. Entnervt, mit einem lauter dröhnenden Seufzer faucht sie weiter: „Du kommst schon noch drauf! Aber jetzt musst du da hinten hin. Ich darf nicht weiter. Du musst! Deine Zeit läuft ab.“ Eine ehrliche Besorgnis spannt sich zwischen uns. Mein Körper ist ein einziger Klumpen geworden. „Was verschweigst du mir?“ entfleuchen meine Zweifel. „Ich darf es dir nicht anvertrauen. Das wurde mir untersagt.“ Ihr Wesen verändert sich zu einem mütterlichen Charakter. „Ich darf meinen Brüdern und Schwestern zwar nicht ins Handwerk pfuschen, aber helfen muss ich dir trotzdem. Egal, was es kostet. Verurteile mich nicht für meinen Zweck. Ich bin nur ein Mittel.“ Meine Wut verklingt so plötzlich, wie sie gekommen ist. Das ist zu viel für mich. Erschöpft sinke ich auf den Boden. Das Wechselbad der Gefühle zerrt an meinen Nerven. „Ich will nicht mehr davon laufen“, gebe ich zu. „Du hast gewonnen. Ich füge mich.“ Sie schüttelt den Kopf: “ Nicht ich. Er. Er hat mich geschickt.“

Ich falle in meinen Körper hinein und rücklings von der Couch auf den Boden.  Schockiert stütze ich mich auf meine Arme und sondiere mein Wohnzimmer. Mein Atem rast, mein Herzschlag schlägt mir gegen die Haut. Ich versuche mich zu orientieren. Der Wein steht noch da. Die Kirchenuhr schlägt. Es ist immer noch Nacht. Null Uhr. Der letzte Schlag holt mich in die Gegenwart zurück. Das Zittern und Schmerzen fordern noch mehr Alkohol und ganz viele Zigaretten. Aber meine Benommenheit verlangt Klarheit. Ich lege mich wieder auf die Couch, um zur Ruhe zu kommen. Dann falle ich in die Bewusstlosigkeit.

 

 

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