Der Mann vor dem Lidl

Als ich heute beim Lidl einkaufen ging, saß ein älterer Rumäne draußen bei den Einkaufwagen. Die Leute kamen und gingen, beachteten ihn kaum. Als ich fertig mit dem Einkaufen war, am Kaffeeautomaten stand, schaute er zu mir und ich gestikulierte, ob er auch einen Kaffee haben wolle. Er nickte freudig. Er kam rein und ich gab einen Euro in die Maschine, er drückte auf den Knopf, nickte und bedankte sich in rumänisch. „Ich nix deutsch“, sagte er, aber sein Strahlen über den warmen Kaffee war Dank genug und ich freute mich, dass ich diesem Mann eine Freude machen durfte. Es ist heute wirklich ein ungemütliches Wetter und windig muss ich dazu schreiben. Ich ging erst einmal zum Auto, um meinen Einkauf wegzubringen. Wir sahen uns von weiten, er hob den Becher und ich ebenfalls. Dann ging ich zurück zu ihm, zeigte auf den Platz neben ihm und er nickte, lud mich ein, mich zu ihm zu setzen. Ich ging in die Hocke, damit wir auf Augenhöhe sind. Er hatte so einen Ministuhl, auf dem er saß. Er gestikulierte, wie gut das warme Getränk tue.

Wir unterhielten uns über Körpersprache und Brocken rumänisch. Er erzählte mir in Körpersprache und rumänisch, dass er von Rumänien hierher gelaufen sei, seine Frau gestorben war und sein Freund mit Augenleiden eine Operation hinter sich hatte und schlafe. Er zeigte mir, dass er sah, wie Menschen einfach erschossen wurden, dass er viel Leid gesehen hatte und das war nicht das erste Mal, dass ich sowas hörte. Es bestürzte mich. Erste Welt und zweite- sowie Dritte Welt-Probleme sind so unglaublich unterschiedlich. Er gestikulierte immer wieder, was für ein wunderbarer Mensch ich sei mit einem Kuss in den Himmel und auf sein Herz. Er zeigte mir eine Frage, was mit mir los sei und ich meinte, dass mein Herz traurig sei. Er gestikulierte, ob ich einen Sohn habe, eine Familia und ich nickte strahlend. Er segnete mich und meine Familie, glaube ich, und dankte Gott dafür. Das war magisch. In dem Moment war ich wirklich gesegnet und glücklich, egal was außerhalb dieses Moments war. Ich dankte ihm, eigentlich für seine Gesellschaft und für sein Geschenk,  in dem ich mein Herz hielt und in den Himmel schaute. Das war über Grenzen und Worte, diese Unterhaltung. Ein Lächeln spricht jede Sprache. Außergewöhnlich. Er zeigte auf die Menschen, wie sie an ihm vorbei gingen und ich glaube er wollte mir sagen, dass jeder ihn sah, aber keiner ihn wirklich sah, außer ich.

Ein anderer Mann fragte mich nach einer Zigarette, aber ich hatte die im Auto liegen lassen. Als ich mich dann verabschiedete, dankte ich dem älteren Mann und er bedankte sich bei mir. Dann sah ich den Mann, der nach der Zigarette gefragt hatte, der immernoch vor seinem Fahrrad stand, holte zwei Zigaretten aus dem Auto und winkte ihm, zu mir zu kommen. Wir unterhielten uns über Zigeuner und Rumänen. Er freute sich ebenso mit mir zu reden und meinte, dass ich wirklich ein außergewöhnlicher Mensch sei. Ich meinte, dafür, dass ich dem älteren Mann einen Kaffee gegeben hatte, wollte ich mich auch ein wenig mit ihm unterhalten, weil jeder etwas geben kann, auch wenn er nichts hat. Ich wollte dem älteren Mann auch die Möglichkeit geben, mir etwas zurück zu geben, was für ihn genauso ein großes Geschenk war wie für mich. Denn die meisten Menschen fühlen sich sinnfrei, missverstanden und dass sie keiner mehr braucht. Obwohl der Raucher eigentlich sehr kritisch über die „Unberührbaren“ gesprochen hatte, sie würden auf Kosten anderer leben, war er nicht mehr irritiert, dass ich bei dem Rumänen gesessen hatte. Er verstand, dass ich in dem Moment die Hilfe dieses Mannes gebraucht habe, jemand, der nicht von materiellen Dingen beeinflusst war und eine andere Weltsicht hatte. Und auch dieser Mann segnete mich, als er sich verabschiedete.

Das passierte, nachdem ich vorher wieder eingestürzt war und ich wieder stark an mir zweifelte. Eigentlich hatte ich davor die ganze Zeit Tränen in den Augen, aber zum Glück schauten alle weg. Bis zu dem Punkt, wo ich den Mann wegen dem Kaffee anschaute. Wer weiß, wofür wir die Dinge erleben, die uns in unserem Leben begegnen und passieren. Beide Männer gaben mir zu verstehen, dass ich nicht aufgeben soll, dass etwas auf mich wartet, wofür alles andere nicht passieren kann und dass ich gut und richtig bin, so wie ich bin. Ich bin wirklich gesegnet mit meinem Leben, auch wenn ich viele Dinge nicht verstehe. Das Leben ist nicht nur eine Reise, weil wenn es so wäre, würden wir nur von Etappenziel zu Etappenziel hechten. Es ist wie eine Symphonie, der Klang des Herzens, eine Herzensmelodie, der wir folgen und die wir spüren. Im Moment liegt die Ewigkeit, denn es ist der einzige Moment, wo wir wirklich leben. Nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Nur im Jetzt.

Ich brauche viel mehr Menschlichkeit und ich möchte herausfinden, was das heißt. Vielleicht habe ich mich viel zu sehr distanziert von der Welt, weil ich diese verkorkste Realität nicht ertragen konnte, aber vielleicht wird sich das jetzt ändern. Heute war ein Geschenk, danke!

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