Das geheime Depri-Doppelleben

Für alle, die es einmal wissen wollen, was Depression macht

Depression ist so vielfältig wie der Mensch selbst. Manche bekommen es nur zu Übergangsjahreszeiten, manche im Winter. Wiederum andere haben es phasenweise, dann wieder im Sturzflug. Ob wir es merken oder nicht, der Ablauf ist immer gleich: Verhaltensveränderung – Überforderung – Rückzug. Mit jedem Mal stirbt ein weiterer Teil gefühlt in uns ab. Aber diejenigen, die es selbst nicht erlebt haben, können und dürfen es auch nicht verstehen. Das ist ja die Zwickmühle. Wir fühlen uns nicht gesehen, nicht verstanden, nicht akzeptiert, nicht zugehörig. Von außen sieht man nur eine dunkle Wolke, die um einen depressiven Menschen wabert. Auch wenn sie lächeln, ist es wie ein aufgemaltes Bild, wenn die Augen traurig sind. Mit manchen kannst du dich ganz normal auf der Arbeit unterhalten. Sie funktionieren, weil sie es müssen, aber Spaß macht das nicht. Jemand, der düstere Stimmung verbreitet, ist nicht gerne gesehen und schnell ausgegrenzt. Deswegen sind Depressive zu Meisterschauspielern geworden. Bis zu einem gewissen Anteil, können sie sich perfekt hinter einer Rolle verstecken. Sie werden diese Rolle, tauchen komplett ein in diesem Spiel aus Maskerade und Machtkampf, ohne es bewusst mitzubekommen. Der Rückzug ist vorprogrammiert.

 

Doppelagent

Eine Parallelwelt entsteht. Im Außen funktionieren wir, weil man das von uns erwartet und verlangt. Erfüllen unsere Rollen und Pflichten, lächeln, weil das ein normaler Mensch macht, unterhalten uns gezwungenermaßen, um nicht aufzufallen. Aber ganz kann man es nie verstecken. ICh vergleiche das gerne mit „Im Nebel wandeln„. Nebel und Leben bilden einen Spiegel, was diese Parallelwelt auch ist. Eine Spiegelwelt. Eine verzerrte Welt. Gefühle sind total verrückt geworden, zu einer Suppe im Urmeer verschmolzen und diese wilden Gedanken haben ihr Eigenleben entwickelt. sie schicken dir Bilder aus dem Nichts, schieben die Panik unter die Haut, wo eigentlich nichts ist und irgendwann ist es für dich normal. Auf der einen Seite bist du eine fremdgesteuerte Marionette und auf der anderen Seite ein heimgesuchter Sklave deiner Selbst.

Arbeitssterben & Familiendrama

Im Job ist man gleich stigmatisiert, wenn andere erfahren, dass man depressiv ist. Sie können damit nicht umgehen, weil sie unaufgeklärt sind und denken gleich, dass sie dich entweder mit Seidenhandschuhen behüten müssen oder gehen dir gar ganz aus dem Weg. Der Job steht auf dem Spiel, weil nur wenige Arbeitgeber dafür Verständnis haben und wenn du deinen Job erst los bist, dann wird es schwierig, einen Neuen zu finden. Eine Abwärtsspirale, denn wie soll man denn dann etwas positives daraus gewinnen? In der Familie ist es ähnlich und läuft zudem parallel. Die gutgemeinten Ratschläge hageln auf dich ein, die nur noch aggressiver machen, weil Ignoranz, Intoleranz und Sinnlosigkeit aus ihnen sprechen, bloß wie soll man das der Familie erklären, dass diese Äußerungen pures Gift für dich sind, ohne sie zu verletzen, weil sie doch nur Gutes wollten. Sie wollen doch immer in ihren Augen das beste, nicht wahr?

Selbstunsicherheit & soziale Inkompetenz

Selbstunsicherheit macht sich breit und erschüttert dein Selbstwertgefühl bis ins Mark. Du verlierst, dramatisch ausgedrückt, dein Bewusstsein: Über dich Selbst (Selbstbewusstsein & Selbstvertrauen), über deine Umwelt (Fremdvertrauen und Wahrnehmung) und die Bindung zu dir (dem Kern deines Urvertrauens). Die Sinne und deine Wahrnehmung sind eingeschränkt. Normale Unterhaltungen werden weniger. Interessen, Hobbies und Kontakte nehmen ab. Es ist ein schleichender Prozess, der sich deines bewussten Zustands entzieht. Andere, die dich kennen merken es schneller als du, sprechen dich vielleicht darauf an, aber du verstehst es nicht, weil du in diesem Nebel steckst.

Gesundheitlicher Killer

Depression ist nicht nur Begleitsyndrom vieler Krankheiten, es hat eine unglaubliche Anzahl von Folgeerkrankungen. Die man gar nicht damit in Verbindung bringt. Während der Depression haben Betroffene oft jeden Tag irgendein anderes Zimperlein. Bauch- und Kopfschmerzen hier, Durchfall da, Übelkeit, wandernde Schmerzen, eben psychosomatische Symptome. Der Körper hat eine andauernde Entzündung im gesamten Körper. Es gibt eine Aktivitätsdarstellung, wie der Körper bei verschiedenen Gefühlen reagiert. Hast du gesehen, was Depression bei dir macht? Du bist im wahrsten Sinne des Wortes leer. Wir überfordern uns selbst damit und somit auch alle anderen um uns herum.

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Von kleiner Depri-Welle bis Schokofrustlawinen

Wusstest du, dass Depressionen weltweit einen Wirtschaftsschaden von über 450 Milliarden Euro verusachen (z.B. durch Kranktage, Leistungsminderung, Arbeitsverlust)? Bis zum Jahr 2020 wird die Krankheit Depression der Killer Nummer 2 auf der Welt sein und bis 2030 Killer Nummer 1. Und dies liegt nicht nur an der Selbstmordrate in Asien oder den Menschen, die einfach durch Überarbeitung Tod am Straßenrand umfallen. Depression kann jeden treffen, auch diejenigen, von denen man es nie erwartet hätte. Was nicht so viele wissen, ist, dass diese Krankheit eine große Bandbreite an Entstehungsmöglichkeiten hat und man nicht von Schuld sprechen kann. So blöd wie es klingt, es ist ein Schutzmechanismus des Körpers. Die Welt kommt durch einen verzerrten Filter ins Unterbewusstsein und Depressive reagieren in den Augen ihres Bewusstseins völlig normal auf äußere Umstände. Man lernt es, aber es aus dem System eines Menschen wieder loszulösen, kann Jahre dauern. Die Auswirkungen können wir uns gar nicht vorstellen, denn wir sehen nur einen kleinen Funken davon.

Mir kommt es so vor, als ob Mutter Natur wieder eine neue Art gefunden hat, um den Menschen zu beeinflussen. Depression ist eine Lebensaufgabe. Jede Krankheit hat ihre Geschichte und ihren Grund und in meinen Augen kann das keine Krankheit besser als Depression. Kindheitstrauma, familiäre Missstände, falsche Ernährung, Begleitsymptom, mangelnde Bewegung, Stress, Schicksalsschlag, Verlust, Nebenwirkungen von Medikamenten, zuviel oder zu wenig Arbeit, Über- und Unterforderung, nicht Ausleben von Begabungen und Talenten, Fremdbestimmung und vieles mehr sind Ursachen. Depression kann sowohl körperliche (neurobiologische) als auch geistige (psychosoziale) Ursachen haben. Die depressive Verstimmung unterscheidet sich durch die Dauer und Intensität, denn man muss zwei Wochen am Stück und länger niedergeschlagen sein, um als depressiv zu gelten. Hinzu kommen Appetit- und Antriebslosigkeit, Wesens- und Wahrnehmungsveränderung, aber auch Schlafstörungen und geistige und körperliche Eintrübung.

Wir betäuben uns

Was mir im Laufe der Jahre aufgefallen ist, wir entwickeln Automechanismen und Süchte, um unsere Gefühle zu betäuben. In einer depressiven Phase kommen wir oft mit dem inneren Chaos nicht klar, weil die Gefühle ein einziges Wirrwarr sind. Wir können es nicht mehr klar differenzieren oder benennen. Um diesem Unwohlsein zu entkommen, fangen wir an, Nahrungsmittel zu essen, die eine euphorische Explosion im Kopf erzeugen wie Süßes. Es muss etwas gehaltvolles sein, dass unsere Sinne extremer reizt, damit wir diese Taubheit und Leere übertünchen können. Es fängt bei jedem anders an. Mehr Kaffee, um wacher zu sein, mehr Zigaretten, mehr Chips und Naschzeug, Fastfood & Co. . Irgendwie müssen wir ja die Daueranspannung kompensieren. Deswegen mehr schnellfreisetzende Energiemittel, mehr zum Wachhalten, mehr zum betäuben und reizen. Gerade dieses letztere Paradox bringt einen völlig durcheinander. Unser Körper und Geist drehen sich immer schneller im Kreis… Der Geist springt zwischen Vergangenheit und Zukunft, der Körper ist erschöpft durch unausgeglichene Ernährung und ungesunden Schlaf. Wo soll man da den Rettungsanker werfen, um sich wieder zu entschleunigen?

Um es am Rande anzukratzen, es ist fast unmöglich, aber nur fast. Es gibt drei entscheidende Zutaten, die man braucht: Unterstützung, persönliche Entwicklung und Wachstum (Vertrauen, Sicherheit, Gelassenheit) und einen dicken roten fetten NEUSTART-Knopf.

Dieser Blog ersetzt nicht den ärztlichen Besuch oder Rat.