Ein Traum?

Zum 10. Jahrestag in Erinnerung.


 

Erleichert riss ich die Augen auf, als der Wecker klingelte. Zerwühlt und zerzausten schulterlangen blonden Haaren lag ich unter der Plüschdecke. Das breite beige Futonbett erstreckte sich vom Kopfende unter dem bodenlangen Fenster ins Zimmer. Obwohl wir an einer Seitenstraße wohnten, war heute morgen ungewöhnlich viel Geschehen im Dorf. Diese nächtlichen Verfolgungsjagden machten mir ganz schön zu schaffen. Vielleicht verarbeitete ich auch einfach nur den Lärm von draußen, da wir immer mit offenen Fenster schliefen. Die Anspannung des Traums saß immer noch tief in meinen Gliedern. Mit müden Beinen schleppte ich mich um die Ecke zur Küche. Fünf Schritte waren anstrengend für einen Morgenmuffel. Mein Guten-Morgen-Kaffee würde mir bestimmt helfen, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Die Küche war zwar klein, aber für einen Bistrotisch und zwei Hockern war noch Platz.

Was war das für ein gruseliger Traum? Mein Freund Christoph arbeitete noch, also musste ich mich selbst beruhigen. Reiß dich zusammen. Es war nur ein Traum. Das wiederholte ich ein paar Mal Mantra-artig flüsternd, aber es funktionierte nicht wirklich. Also tippte ich halb blind Christophs Handynummer ins Telefon: „Schatz? Ich hatte schon wieder einen schrecklichen Alptraum…Ja, bis heute Abend.“ Schade, er hatte leider keine Zeit. Also krümmelte ich mich noch ein bisschen in meine Morgenmüdigkeit und dem Kaffeegeruch ein, um wieder im jetzt zu kommen und mich für die Arbeit bereit zu machen. Wie gewohnt, begann den Tag wie jeden vorherigen, aber irgendetwas war anders. Auf der Arbeit blieben die Aufgaben liegen und der dritte Kaffee machte mich auch nicht munter. Der Tag schien nicht zu vergehen und ich war auf Autopilot. Unglaublich, fängt das schon wieder an. Das kann doch nicht wahr sein! Die vergangenen Alptraumphasen lagen schon eine Weile zurück, aber sie waren noch nie so real. Mit jedem Tag nahm die Intensität der Träume zu. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass sich alles auf diesen Freitag zuspitzte. Erschöpft nahm ich mir fest vor, mich heute Abend zu entspannen. Morgen war der besagte Tag und ich dachte, dass es nicht hätte schlimmer kommen können. Wie naiv.

Abends wartete Christoph schon zuhause. „Na mein Schatz, wie war dein Tag? Heute Morgen klangst du etwas seltsam“, fragte er besorgt und reichte mir zur Begrüßung einen zuckersüßen Schmatzer und einen frisch geschäumten Cappuccino. „Naja, die letzten Nächte waren anstrengend. Die Alpträume machen mich fertig“, seufzte ich. Christoph nahm mich in den Arm und sagte: „Vorhin hab ich einen Film ausgeliehen. Extra für dich. Wollen wir uns auf die Couch legen? Entspann dich mal, vielleicht kannst du dann heute Abend besser schlafen, wenn ich da bin und dich vor den Monstern beschütze.“ Es kam mir fast vor, als wollte er sich über mich lustig machen. Oder nahm er mich einfach nicht ernst? Aber in einen solchen Verfassung konnte ich wohl seine aufmunternden Worte nicht anerkennen. „Na gut, das ist lieb von dir.“ Wir legten uns auf die lederne L-Couch hin, die mit bunten Decken und Kissen verziert war und kuschelten uns aneinander. Prompt machten sich meine Gedanken selbstständig. Na toll, warum kann ich nicht in Ruhe den Film schauen. Da ein Hinweis, und da ist noch ein Hinweis. Hört doch mal mit diesen lästigen Botschaften auf. Zuerst in meinen Träumen und jetzt auch noch hier? Das ist ja nicht zum Aushalten. Gutgut, ich soll’s ihm verraten? Wie soll ich das bitteschön anstellen, ohne dass er sonstwas von mir denkt? Soll ich sagen: Hey, mein Gewissen hat mir gesagt oder mein Bauchgefühl, nein nein, viel besser, meine mediale Vorahnung… Haha, da denkt er bestimmt, ich bin reif für die Klappse. Okey, versuchen wir es.

Mitten im Film hielt ich es nicht mehr aus. Über meine Worte stolpernd, versuchte ich meinem Freund klarzumachen, was in mir vorging: „Ich finde w-wir sollteten morgen zuhause bleiben, ach sollten. Irgendwie dächte, man denke ich, dass …“, ich zögerte einen Moment und atmete noch einmal tief durch. „Naja egal, lass uns einfach hier bleiben und uns einen schönen Abend machen. Ich habe keine Lust darauf, mich morgen in die Kälte zu stellen.“, unruhig starrte ich wieder auf den Fernseher und wollte gar nicht abwarten, was er zu sagen hatte. Das Wohnzimmer wurde irgendwie immer kleiner, die grünen Ranken der Schlingpflänzchen, der große Balkon zu unserer Linken, die Bodenfenster hinter uns, alles drückte auf mich und vor allem diese Tapete aus beige und Türkis. Ich war mir unsicher, denn ich hätte mir das alles auch nur einbilden können. Bei meiner lebhaften Phantasie glaubte mir doch sowieso keiner.

„Warum? Den schönen Abend machen wir doch heute.“ Warum mussten wir immer zu den Treffen fahren? Diese Treffen nervten mich mittlerweile nur noch. Wir waren in einer Clique von Autofreaks und trafen uns jedes Wochenende, um über alles Mögliche zu quatschen. Meinen Ärger prustete ich mit einem lauten Stöhnen aus: „Arrgh, muss das denn sein? Ich mein, … wir treffen uns fast jeden Tag mit denen. Da sind bestimmt so viele neue Leute und ich finde keinen zum Reden.“ Das war jetzt DIE logische Schlussfolgerung, versteh mich doch nur ein einziges Mal. Ich fühle mich da unwohl und das weißt du auch. Warum tust du mir das jedesmal an? Fast beiläufig murmelte er: „Moni ist doch da.“ Verdammt. Jetzt muss ich ihm die Wahrheit sagen. „Ich muss dir was erzählen, aber du hältst mich eh für verrückt. Ich habe das Gefühl, als ob am Freitag, ehm also morgen, was Schlimmes passieren wird. Wenn ich so eine Alptraumphase habe, passiert immer irgendetwas.“ Christoph grinste belustigt und meinte: „Wenn es passiert, ist es auch egal, ob du da bist oder nicht. Sei ehrlich, du willst bloß den Spaß verpassen. Also lass uns fahren und mach dir nicht schon wieder so’n Kopp.“ Zornig setzte ich mich auf. Sogar meine Wutlocke floppte hinter meinem Ohr hervor. Du kannst gut reden. Dein Darm macht dir ja auch kein Knoten durch die Rechnung. Ok, ich soll mich entspannen. Ändern kann ich nichts, durchatmen, puh. Meine Güüüte, bin ja nur ich, der die Vorahnungen hat. Wieso nimmt mich keiner ernst? Bis es dann passiert und dann ist es zu spät. Naja, bis dahin haben sie es auch wieder vergessen. Boah, Ich könnt platzen! Meine Gedanken rasten.

Ich kam bereits zuvor zu der Erkenntnis, dass es egal war, was ich sagte oder machte, aber trotzdem hoffte ich jedes Mal erneut, dass sie mir Glauben schenken würden. Vergeudete Zeit. Wem will ich was beweisen? Meine Freundin, mit der ich schon seit einiger Zeit keinen intensiven Kontakt pflegte? Weil ihr und mein Freund sich zerstritten hatten, hörte mir nur noch aus Höflichkeit zu. Meine Familie versuchte ihr bestes, mich wahrzunehmen und auf der Arbeit gehörte ich schon zum Inventar. Furchtbar. Und nun das. Ich stand vor der Wahl, entweder meinen Freund bitter zu enttäuschen, wenn ich nicht mitging oder mein Bauchdrücken in Gestalt zu sehen. Vielleicht war ich auch viel zu dramatisch. Fazit war, ich wollte meinen Freund nicht enttäuschen. Also probierte ich verkrampft den letzten Abend vor dem großen Tag Entspannung zu finden. Der Film war an mir vorbei gegangen sowie die Kuschelzeit mit meinem Freund. Ich wälzte mich danach noch die ganze Nacht von einer Seite zur anderen, obwohl ich eigentlich immer Nähe suchte, aber heute brauchte ich Abstand. Vertraut mir niemand mehr? Warum ignorieren sie mich so provokativ? Meinen die, ich bin blöd? Man kann mir auch anders beibringen, dass ich den Stellenwert eines Mülleimers habe.

***

Erster April, der Tag der Scherze. Es war soweit. Die Übelkeit war verschwunden. Auch sonst ging es mir erstaunlich gut. Kein Alptraum, keine Anspannung. Ich war überrascht, anscheinend die Ruhe vor dem Orkan. Christoph weckte mich mit einem liebevoll zubereiteten Frühstück im Bett. Brötchen, Wurst, Käse, Orangensaft und meine Lieblingssorte Star Bucks Kaffee, die er extra als Kiloformat für zuhause mitbrachte. Es war der Tag des Scherzes,also konnte sich Christoph nicht verwehren, mich im Bad reinzulegen. Verschlafen wolltee ich mich frisch machen und er schlich sich hinter mich. Mit einem Blitzen in seinen augen schaute er zwischen meine Schulterblätter. „Wass denn?2 fragte ich piepsig mit dem Mund voller Zahnpasta. „Da…da ist was haariges mit acht Beinen. “ Erschrocken drehte ich mich um und was sah ich da? Einen Sticker mit einer Spinne. „Haha, hast mich gekriegt!“ Danach nahmen wir uns aber ohne Scherze ausgiebig Zeit mit dem Frühstück und verbrachten den halben Vormittag mit reden und schlemmen.

Am Nachmittag waren wir mit unserer Clique zum Autotreff verabredet. Es war nicht nur der Mangel an geistreichen Unterhaltungen, was mich derart an diesen Treffen störte. Ich redete kaum mit anderen Leuten, um mich nicht unnötig aufzuregen. Soviel sinnfreie, hole und verstörende Kommentare waren für meine sensible Psyche einfach zuviel. Es waren viel mehr diese hirnrissigen Autorennen, die mir Sorge bereiteten. Teilweise fühlte ich mich wie die Gesetzeshüterin vom Dienst. „Freust du dich schon, Mäuschen?“, fragte Christoph und schielte schon verschmitzt aus dem Blickwinkel im Auto auf den Weg dorthin. „Ja, da bin ich nicht dein einziges Opfer!“, sagte ich schadenfreudig. Von dem abgelegenen Parkplatz dröhnte schon vom Weiten die laute Musik. Wir parkten am äußersten Rand der Autokolonne. „Viel Spaß und tob‘ dich aus!“, rief ich Christoph noch hinterher. Dann ging er in der Masse unter. Monika wühlte sich mit zwei Dosen Mixery durch die Menge. Mit einer Umarmung begrüßte sie mich angeheitert: „Hier Hase, entspann dich.“ „Hi! Ach weißt du Moni, ich hab ein ungutes Gefühl. Die wollen doch bestimmt wieder rasen. Wenn Christoph da mitmachen will, reiß‘ ich ihm den Kopf ab!“. „Mach‘ dich nicht verrückt Süße, ist doch die ganze Zeit gut gegangen.“ Sie sagte das mit einer gutgläubigen Leichtigkeit, die mich innerlich fast zum Explodieren brachte.

„Wenn du meinst Moni. Gemeinsam mal ein Bier trinken, über Autos quatschen, ist ja in Ordnung, aber diese Rennen sind echt gefährlich, weil man muss immer mit der Dummheit der Anderen rechnen.“ „Biene, unser Moralapostel. Ist das nicht auf Dauer anstrengend? Mach dir nicht so viele Gedanken. Das sind große Jungs. Die kennen ihre Maschinen.“ Es war nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Als der Alkoholpegel in der Menge anstieg, kamen die ersten Knaller. Einer übergab sich in seinem Auto. Ein paar Jungs spielten Freihandpinkeln im Feld und das Gegiggel der Hühner war ekelerregend. „Anstatt ‚Wir Sind Frei‘ sollte das neue Motto ‚Wir Sinn Frei‘ lauten. Meinst du nicht auch?“, fragte ich Moni, nachdem wir über die die neuen Aufkleber des Clubs philosophierten. Die ersten Motorräder starteten ihre Maschinen. Es schien, als ob sie ihre PS testen wollten. „Bis einer weint“ sagte ich scherzhaft in die Runde. Wie kann man so dumm sein und mitten im Ort ein Rennen veranstalten? Meine Gedanken waren wohl so laut, dass Moni dies in meinen Augen lesen konnte. “ So langsam wird mir auch mulmig, Biene.“

„Könnt ihr vielleicht von der Tanke was zu trinken holen, anstatt ein Rennen zu fahren? Mann Jungs, seid vernünftig! Hört auf mit dem Mist.“
Meine Worte kamen bestimmt bei Einigen an, denn sie nickten insgeheim.
Yuri war einer von Christophs besten Freunden und ein Hitzkopf. Christoph hatte mir vor einigen Tagen erzählt, dass Yuri scharf auf die Maschine von Manne sei, die aber viel zu groß für Yuri wäre. Natürlich kam aus seinem Mund: „Man, es ist doch nichts los im Kaff, was soll schon passiern? Ey Manne, lass mich mal fahrn!“
„Du hast doch eh Angst vor dem Vieh!“ schrie Manne über den Platz. „Hast du ne Ahnung“, sagte Yuri und klappte das Visier des Helms runter, um die Dramatik des Moments auszunutzen und setzte sich provokant auf Manne’s neue Kawasaki. Dann zischte Yuri davon.

Ich hatte die Nase gestrichen voll und Christoph wusste anhand meiner Todesblicke, was los war. Genug war genug. Was sollte denn noch passieren, damit diese Hohlhirnies bgereifen?  „Na komm, wir fahren nach Hause, heute Abend ist ja noch Hanauer.“ Das war das nächste große Autotreffen, was noch viel hohler war, weil die Hohlköpfe von überall hin kamen. Geballte Dummheit an einem Ort! Nach einer gefühlten halben Stunde der Abschiedsrunde fuhren wir dann endlich los. Boah, wenn die mich nochmal so antatschen lassen muss, platz ich. Bin ich froh, wenn der Tag rum ist. Wir bogen gerade die letzte Ampel des Ortes ab, als Christophs Handy klingelte. Mein Herz raste plötzlich und ich bekam kaum noch Luft. Das war es. Ich riss die Augen vor Schreck weit auf und klammerte mich an den Sitz, er merkte aber nichts. Christoph nahm lässig den Anruf an, änderte aber schon nach drei Sekunden seine Gesichtsfarbe Frühlingsteint in leichenblass. Als er ins Leere schaute und nur noch Laute am Handy herausbrachte, wusste ich, dass mein Instinkt mich nicht betrog. „Mmhh,…ja. Ok, wir kommen… Das war Manne. Yuri…am Aldi“ „Was ist passiert? Egal, ich fahre. Gib mir die Schlüssel.“ Wir wechselten schnell die Seiten, als die Ampel noch rot war. Mit quietschenden Reifen drehte ich um, aber mit Sicherheitsabstand versteht sich. „Also Aldi, ja? Komm, wach wieder auf“, sagte ich mit einer befehlenden Stimme, um Christoph wieder aus seinem Schock zu ziehen. Ich wusste zwar nicht wirklich, was passiert war, aber es war irgendetwas mit Yuri, einem Unfall und Motorrad.

Auf dem Weg zum Aldi fragte ich ihn nur kurz: „Was ist los? Yuri hatte einen Unfall?! Sag schon!“ Christoph stammelte: „Wäre…wäre ich da geblieben, wäre das bestimmt nicht passiert.“ „So ein Quatsch! Er ist schon losgefahren, da waren wir noch da“, erwiderte ich stürmisch. „Er war wie mein kleiner Bruder. Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen. Der hat sich andauernd überschätzt.“ Mit abwesendem Blick starrte Christoph wieder ins Leere. Ich meinte geduldig:“Schatz, es ist nicht deine Schuld. Du hättest sowieso nichts machen können. Wir sind gleich da. Da vorne ist es.“ Die Feuerwehr stand noch da, um die Scherben und die Blechteile aufzuräumen. Der Krankenwagen war bereits auf den Weg ins Krankenhaus, als wir an dem Unfallort ankamen. Fast alle von der Clique waren auf dem Aldi-Parkplatz. Als wir ausstiegen, sahen wir von weitem den Blechhaufen. Das Motorrad war nicht mehr zu erkennen. Christoph versuchte, stark zu sein, als er Manne beim Blechhaufen sah. „Hey Manne, ist das der Rest?“ Manne flüsterte zitternd: „Ja, das Meiste hat das Profi Getränke Schild kaputt gemacht.“ „Manne, das hängt drei Meter in der Luft!“ Manne hob den Blick und starrte Christoph mit Tränen in den Augen an. „Dann kannst du dir ja vorstellen, was los ist.“ Mir kamen unfreiwillig die Bilder aus meinen Träumen hoch. „Los, wir fahren ins Krankenhaus. Manne, du fährst bei uns mit. Du fährst mir nicht alleine!“ drohte ich ihm mit fürsorglicher Schärfe. Auf dem Weg ins Krankenhaus fragte ich Manne in einem ruhigen Ton, um die beiden Jungs nicht noch mehr fertig zu machen: „Was ist passiert?“

Es platzte fast aus Manne raus. „Wir fuhren ganz normal zur Tankstelle. Alles war ok. Ich hab noch die Cola eingepackt und Yuri sagte, er will mir jetzt mal zeigen, was mein Motorrad kann. Wieso hab ich ihm nur mein Motorrad gegeben? Seins war doch schon zu viel. Es ist alles meine Schuld.“ Manne schluchzte und erzählte weiter. „Der Depp überholt das eine Auto und ich seh noch, wie der abbiegen will, ohne zu blinken, …der Penner. Ich konnte nichts machen, nur zugucken. Der Fahrer sah Yuri nicht und bog einfach ab. Yuri rammte die Haube und flog auf den Parkplatz. Das Motorrad flog auf das Profischild. Yuri hat überall Schrammen, über….“ Manne war ein starker Typ, aber er konnte sich nicht mehr halten und weinte bitterlich. Christoph versuchte, Manne mit einem Schulterklopfen zu beruhigen, aber musste dann auch schluchzen. Ich seufzte und sagte: „Es ist nicht deine und nicht deine Schuld“, betonte ich und schaute beide kurz an, da ich mich auf das Autofahren konzentrieren musste. „Mann, es ist übel Biene. Der ist mindestens zwanzig Meter geflogen. Das hält die beste Kleidung nicht aus. Die Sanitäter sahen eben sehr besorgt aus und fummelten da an ihm rum. Sie haben gesagt, wenn er riesen Glück und viele Engel hat, kommt er vielleicht durch. Mann Biene, da kann man sich nicht zusammen reißen. Ich bin so ein Idiot.“ Wütend stampfte Manne auf den Fußboden. Sein hochrotes Gesicht war übergossen mit Tränen. „So, jetzt atmet mal beide tief durch. Das heißt jetzt beten und Daumen drücken.“, sagte ich, um den Beiden wenigstens noch etwas Hoffnung zu geben. Ich war auf diese Situation seit Tagen vorbereitet worden und musste für alle stark sein, um ihnen Trost zu geben. Der Rest der Clique fuhr total verstört einen Mist zusammen und hätten beinahe noch einen Unfall gehabt.

Zehn Minuten später waren wir alle im Krankenhaus. Die Eltern von Yuri kamen kurz nach uns an. Man sah die Angst in ihren Augen. Es war unklar, wie schlimm es um Yuri stand. Ich sagte nur zu Christoph: „Es ist schlimm, das spüre ich“. Ein Arzt kam zu den Eltern. Ihre Gesichter erstarrten in blanker Panik. Als das kurze Gespräch zu Ende war, kamen die Eltern zu uns: „Es sieht nicht gut aus. Sie operieren Yuri jetzt. Betet, dass es gut läuft.“ Die Mutter konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und ihr Mann nahm sie tröstend in den Arm, obwohl er auch nicht mehr die Kraft hatte, stark zu sein. Als die Mutter sich etwas gefangen hatte, sagte sie: „Danke, dass ihr hier seid.“ Christoph setzte sich zu Manne und ich musste raus, ein bisschen frische Luft schnappen. Draußen war es kalt, aber als ich mich auf die Bank setzte, spürte ich nicht sonderlich viel davon. Ich sah Yuri vor mir. Es war wie ein Tagtraum. Er rief plötzlich: „Ich habe Angst, was passiert hier? Wo bin ich?“ Immer wieder und wieder rief er es. Nach ein paar Malen sagte ich verstört zu Ihm: „Du hattest einen Unfall.“ Mein Freund schüttelte mich und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich bemerkte gar nicht, dass er raus gekommen war. Nichts war in Ordnung. Was war das für ein Traum? Ich war doch wach…

Drei elend lange Stunden warteten wir. Kurz nach Mitternacht stand die Mutter von Yuri auf: “ Danke, dass ihr hier gewartet habt. Das bedeutet uns viel. Ihr solltet aber jetzt nachhause fahren. Wenn es etwas Neues gibt, sagen wir Manne Bescheid und er ruft euch an.“ Jeder verabschiedete sich nochmals von den Eltern. Manne blieb bei Ihnen. Erschöpft und besorgt fuhren wir dann heim. Als wir im Bett lagen, streichelte ich sanft Christophs Stirn. Ich schaute in die Dunkelheit und mir ging der Tag nochmal durch den Kopf. „Ich habe Angst, Biene. Was ist passiert? Warum bin ich hier?“ Plötzlich saß ich mit Yuri auf einer weißen Bank in einem weißen Raum. Er nahm erschrocken meine Hand und starrte mich fragend an. „Du hattest einen Unfall, Yuri. Die Ärzte versuchen dich gerade zu retten. Wieso bist du bei mir?“

Etwas verwirrt, schüttelte ich kurz den Kopf, um meine Fassung zu bewahren. „Ich wusste nicht, zu wem ich sonst gehen kann. Ich habe Mist gebaut. Du hattest Recht. Was soll ich machen?“ Yuri stand auf, lief nervös hin und her. „Stark sein, Yuri. Wir brauchen dich noch. Alle haben im Krankenhaus gewartet und wir alle machen uns große Sorgen. Du bist nicht alleine.“ Beruhigt setzte er sich wieder neben mich und nahm wieder meine Hand. „Naja, hatte Manne und Christoph wohl doch Recht.“ Bedrückt schaute Yuri zu Boden. Dann hob er wieder seinen Blick und sah mich mit einer seltsamen Wärme an: „Danke Biene, dass du mir geholfen hast, zu verstehen. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Sag Manne, Christoph und den Anderen, sie sollen nicht den gleichen Fehler machen wie ich. Pass auf sie auf, Biene. Pass auf sie auf. Ich muss jetzt gehen.“ „Yuri, nein, bitte, du musst doch stark sein. Lass uns nicht hängen. Wir brauchen dich noch!“ Er nahm mich in den Arm und streichelte mir über den Kopf. „Alles wird gut, du wirst schon sehen.“ Mit einem letzten intensiven Blick verblasste Yuri vor mir. Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten. Die Tränen rollten.

„Biene, Biene, du träumst“, hörte ich aus weiter Ferne die Stimme von Christoph. Es war 10 vor 2 Uhr. Ich machte die Augen auf und Christoph hielt mich fest im Arm. Unter Tränen sagte ich: „Yuri ist weg. Er ist weg. Er hat gesagt, er muss jetzt gehen. Schatz, er hat mir gesagt, er muss jetzt gehen.“ Christoph drückte mich fest an sich. Ich spürte wie sein Herz raste. „Ich hoffe, du hast nicht Recht.“

Einen Moment später kam der Anruf: Es war Manne. Christoph nahm mit einem „Ja?“ an und legte mit einem „OK“ auf. Einen Moment hielt er inne. Schluchzend sagte er leise: „Er ist gegangen…“.


Heute steht ein Kreuz vor dem Getränke-Profi in Griesheim bei Darmstadt. Yuri starb um 1:45 Uhr am 2. April 2007.

Der Brunnen am Haus – Kapitel 1

Eine Legende hing über dem alten Brunnen im Garten des Herrenhauses. Ich war zwar immer nur in den Sommerferien zu Besuch bei meiner Tante, aber für mich war es die schönste Zeit des Jahres. Als 16-Jährige war das Leben alles andere als leicht. Der Stress in der Schule, meine überfürsorglichen Eltern und diese intrigante Mädchenclique hatten mich in die Krise meines Lebens gestürzt. Die Ferien bei meiner Tante Rosa war der rettende Lichtblick, um aus diesem Chaos des Alltags auszubrechen. Tante Rosa hatte einen leckeren Apfelkuchen zur Begrüßung gebacken und stellte diesen gerade auf den Esstisch im Wintergarten: „Ach mein Kind, ich freue mich, dass du mich immer noch gerne besucht. Wie war deine Reise? Ist alles gut gegangen?“

„Ja, Tante Rosa, der Zug war zum Glück nicht so voll. Mein Koffer hatte auch Platz.“, entgegnete ich. Ein Lächeln flog über Tante Rosas Lippen. „Das ist schön Eleonore,mein Schatz. Möchtest du noch ein Glas Milch zum Kuchen?“ Ich nickte erfreut und Tante Rosa machte sich auf den Weg in die Küche mit dem Satz: „Mein Kaffee ist auch gleich fertig.“ Dieses Mal frage ich sie. Warum wollte sie mir bis jetzt nicht davon erzählen? Tante Rosa kam mit einem Tablett, stellte das Glas Milch und die Tasse Kaffee auf den Tisch und setzte sich anschließend in den romantisch verschnörkelten Stuhl, der in dem mit Pflanzen überfüllten Wintergarten stand. „Na dann, lass es dir schmecken“, meinte Tante Rosa noch und nahm mit der kleinen Kuchengabel elegant ihr erstes Apfelkuchenstückchen zu sich.

Regentropfen klopften gegen das Glas des Daches, aber trotzdem hatte der gepflegte Garten nichts an seiner Freundlichkeit verloren. Die Spannung stieg mit jedem Stück Apfelkuchen in mir, bis ich dann fast platzte. Die Neugier krabbelte von meinen tiefsten Inneren durch meinen Bauch den Rücken entlang und bahnte sich den Weg zu meinen Mund, bis ich es nach einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr aushalten konnte. Jetzt frage ich sie. Ich muss es einfach wissen!  „Tante Rosa, ich habe gehört, dass der Brunnen eine Legende hat. Willst du mir nicht davon erzählen?“ Tante Rosa schaute verdutzt zu mir: „Nun, es soll ein Wunschbrunnen sein.“ Ich schaute etwas enttäuscht, da mir noch mehr erhofft hatte. „Und was ist mit der Legende?“ Tante Rosa legte den Kopf zur Seite, summte, als ob sie in ihrem Gedächtnis nach der Geschichte suchte und überlegte einen Augenblick: „Woher hast du das eigentlich gehört? Mmhh. Nun gut, dann erzähle ich sie dir.“

Nach einer langen Atempause begann sie dann: „Früher lebte hier eine arme Bauernfamilie mit vier Kindern. Der Brunnen soll schon immer hier gewesen sein. Keiner weiß, wer ihn gegraben hat. Die Familie holte ihr Wasser jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend aus diesem Brunnen. Eines Tages ging die jüngste Tochter Wasser holen. Sie sang ein Lied und als sie am Brunnen war, kam ein Echo aus den Brunnen hervor. Nichts besonderes, dachte das Kind, summte weiter und zog den Eimer mit Wasser heraus. Als das Echo aufhörte, obwohl sie sang, war das Kind verwundert. Was weiter war, weiß ich nicht mehr so genau, aber…“ Tante Rosa hielt für einen Moment inne und musterte angestrengt die Fliesen am Boden und hob ihren Zeigefinger. „…aber ich… ich glaube, ich habe noch ein paar alte Aufzeichnungen darüber auf dem Dachboden. Aber können wir das vielleicht später besprechen, Liebes? Du bist doch gerade erst angekommen. Pack erstmal deine Sachen aus und dann sehen wir weiter.“ Ich nickte, machte ein zustimmendes „Mm-mmhh“, da ich den Mund voll hatte und nicht unhöflich sein wollte und arbeitete genüsslich an meiner Milch und meinem Apfelkuchen weiter.