Himmelreich auf Erden – Heaven’s Sky (3)

Kapitel 1 

Kapitel 2


„Keine Sorge, alles erledigt!“, ertönt eine bekannte Stimme aus dem Schatten unter mir. Es fühlt sich wie ein Haufen von Ameisen in meinem Rücken an, die mir hoch und die Wirbelsäule wieder herunter krabbeln, ein betäubendes Gefühl, das mir eine Ekelgänsehaut am Hals bereitet. Ich liege im Bett, zerwühlt, in meinem flauschig grauen Schlafanzug gekleidet und mit meiner Decke verknotet. De pochenden Kopfschmerzen haben mich geweckt. „Wo bist du?“ Was meinst du damit?“, kratzt estrocken aus meiner Kehle. Meine Zunge hat die Oberfläche eines Schmörgelpapiers, klebt an meinem Gaumen und ist unangenehm trocken. Da fällt es mir wieder ein: „Mein Bewerbungsgespräch!“ Der erste Schock durchdringt mich mit wacher und klarer Bewusstheit. Ich setze mich in Panik auf, aber der Muskelkater in meinen Armen wirft mich sofort wieder auf den Rücken und zerdrückt die 1.000 imaginären Ameisen. „Jaaa“, sagt sie beiläufig ruhig. „Genau das. Du hast den Job!“ Meine Verwirrung wird umso größer, als mir auffällt, dass es nachts ist. Ich schüttle die Benommenheit ab und quäle mich mit äußerster Vorsicht zum Sitzen auf. „Nimm es mir nicht übel, aber ich dachte, du bräuchtest etwas Hilfe, als du da so reglos auf dem Boden lagst. Mein Sklave hat das Nötige arrangiert und nun ja, herzlichen Glückwunsch! Sie sind jetzt offiziell Bibliothekarin!“ Ihr Freude war unverhohlen überschwenglich und unangemessen.

„Waaas?“ entkommt mir das blanke Entsetzen. Meine panikgeweiteten Augen eines Kobolds bei Nacht fangen auch das bisschen Licht ein, welches sich im Schatten zeigt. Dann aber kann ich mich nicht verwehren, mein Gewuhl, ein Wirrwarr an Gefühlsausbrüchen, gepaart mit Fremdbestimmung, Ausdruck zu verleihen: „Was hast du gemacht?! Und wichtiger: WARUM BIST DU HIER?“ Mein Stimmungsklang war bedrohlicher und bedrohlicher als ich dachte, aber die pure Verzweiflung und ungedrückter Zorn kamen endlich an die Luft. „Naja,…ich…“. Scheinbar hat die kleine Dämonin das erste Mal die Blitze in ihren Augen gespürt, ohne einen Körper besetzen zu müssen. Das Stammeln nimmt ihr die Position eine waschechte Schutzdämonin zu sein, ein Wesen, dass aus reiner Leidenschaft peinigt und Verwirrung stiftet. Die Wut übernimmt mich. Meine sehnlichster Wunsch ist leider davon in den Hintergrund gerückt. Ich pumpe mich auf wie ein Maikäfer und ein zähneknirschendes Knurren verleiht meiner Erscheinung noch mehr Größe: „Wie soll ich das denn jetzt machen, ohne vollends aufzufliegen? Das wird mich umbringen, ist dir das überhaupt klar?! Was hast du dir nur dabei gedacht? Bestimmt gaaar nix!“ Natürlich ist das mein Traumjob, aber deswegen auch mein Tod, mein Tod, verstehst du? Ich kann mich dann nicht mehr verstecken. Schande…  Schäm dich. Schutzdämon, pfft. Schäm dich in Grund und Boden wegen deiner Dummheit!“ Das letztere war ein kläglicher Befehl, weil ich hätte heulen können.

Kleinlaut und weitaus mehr an Stärke eingebüßt , schon fast flüsternd, meldet sich Lucremeril zu Wort, um sich weinerlich flehend zu verteidigen: „Ich d-d-dachte…du freust dich. D-d-du sollt-t-test dich freuen! Freu dich! …Aber…“, pausiert sie, um dem unsichtbar aufkriechenden Nebel aufmerksam dabei zuzuschauen, wie es in den Raum hineinkriecht und uns lähmt. Mit all ihrer übrig gebliebenen Selbstsicherheit öffnet sie hörbar ihren gestaltlosen Brustkorb für eine letzte kraftvolle Stimme: „Das ist DEREN Plan. Ich bin nur das Werkzeug, versteh doch, …uuups!“ Als ihr klar wird, was sie von sich gegeben hat, füllt sich eine Blase an Spannung um mich herum.Ertappt, sie will sich noch retten, wenigstens bei mir. Ich bin ihre Herrin, auch ihr Schützling, aber sie gehört nunmal mir und sie ist abhängig. Der fressende Zorn wird durch mein Mitleid gesprengt und innerlich klirrt es mit einem lauten Knall. Ohrenbetäubend.Ein leiser Seufzer kommt von Lucremeril hervor: „Ganz ehrlich Süße: Meinst du wirklich, du wärst solange am Leben, ohne, dass siedich nicht schon längst beobachten? Natürlich wissen sie, wer du bist, nur du erkennst dich nicht. Du weißt gar, wozu du imstande bist und denkst schon jetzt, es wäre abgefahren.“ Ihr Kichern soll eine hohle Beleidigung darstellen, aber ich bekomme nur dumpf mit, was um mich herum passiert. „Es gibt mehr Mächte im Universum meine Kleine, als du jemals begreifen kannst. Das ganze Gewäsch von es gibt nur sie ist völliger Quatsch.“

Entwaffnet und gestopft mit Fragen bis oben hin, schüttle ich nur den Kopf. Flehend krabbeln ihre geistigen, nach Anerkennungen und Bestätigung gierigen Krallen die Bettkante zu mir hoch, schaben weiter und weiter: „Nun sag doch was. Tut mir leid Schätzchen. Das war viel zu früh für dich. Tut mir ehrlich leid. Keine Lügen mehr, aber alles zu seiner Zeit.“ Der letzte Satz kommt mir eigenartig vertraut vor. Etwas klingelt in mir, aber ich fege es beiseite. Was?“ Dieses was war immer noch auf den Satz mit dem Plan gerichtet, mit einer entgeisterten Stimme, die in einem Moment stehen geblieben ist, welches sich außerhalb des Jetzt befindet. Leer starre ich in den schattierten Raum, welches ich bis jetzt meinen Lebensraum nannte. Die Welt fällt mir auf den Kopf. Es bröckelt an allen Kanten und Ecken, der Raum aber steht still. Insgeheim weiß ich genau, was sie meint. Ich habe es schon lange geahnt, wollte es aber nicht wahr haben. Schweigend bestrafe ich sie mit Ignoranz, weil mein Innenleben mir die Antwort in Gefühlen und Bildern schickt. Lucremeril wartet und zieht sich zurück in den Schatten.

Dass ich beobachtet werde, merke ich erst, als meine Aufmerksamkeit zu mir zurück kommt. „Raus hier!“ schreie ich panisch. Keine Ahnung an wen es gerichtet ist, aber aus dem Nichts leuchte ich plötzlich reflexartig in einer schillernden neongrünen Rüstung und halte meine Hände vor meine Brust. Erschrocken ziehe ich meine Hände zurück. Der Nebel aber greift unerbittlich zu und zieht mich durch den Wandspiegel. Lucremeril haftet an meinen Schatten und brüllt lautlos, als ich auf die andere Seite des Spiegels verschwinde.

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Illusion und Wahrheit: Kapitel 6

Dies ist eine Geschichte, wo du entscheiden kannst, was wahr und was Illusion ist.

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Die Nacht hat erst begonnen, aber schon jetzt fühlt sie sich unheilvoll an. Vielleicht hätte ich nicht so forsch sein sollen. Vielleicht sollte ich wirklich zu ihm. Vor ein paar Wochen habe ich den Kontakt abgebrochen, weil es zu gruselig wurde. Ich gehe in die Küche und hole mir ein Glas stilles Wasser. Eine Flasche Rotwein glotzt mich an. Betäuben! Ich trinke auch nicht zu viel. Versprochen. Nur, um meine Nerven zu beruhigen. Die Flasche kommt mit. Ein schönes großes Rotweinglas platziert sich vor mir, als ich die Tageslichtlampe, die hinter der Couch versteckt liegt, anknipse und mich auf die Couch setze. Genug. Einen Moment Ruhe. Die Tür zum Flur bewegt sich ein Stück, aber ich will es nicht sehen, nicht spüren, nicht bemerken und keiner Aufmerksamkeit würdigen. Der Wein schmeckt nach Vergessenheit. Süßlich. Unschuldig und nach mehr. Ich trinke nur sehr selten, aber jetzt wie eine Gewohnte. Ein Schluck nach dem anderen ergießt sich in meinem Mund. Abgelenkt genug, um es nicht zu merken.

Es krabbelt so schnell in meinen Nacken, dass ich nichts mehr dagegen tun kann, was auch dem Verdienst des Weines geschuldet ist. Mein Körper gehorscht nicht mehr meinen Willen. Er ist gelähmt, sowie meine Gedanken. Meine Umgebung verwandelt sich in weiß. Die Möbel verschwinden, der Boden wird weich. Blitze zucken. Etwas legt das Glas auf den Tisch, um mir seine Macht zu demonstrieren. Ich versuche zu blinkeln, die Formen wiederzuerkennen. Das Ding aus meinen Kopf zu schütteln, aber der Griff ist fest. Ich bäume mich auf, denn ich hasse es, besessen zu sein. Ein lautloser Schrei erklimmt meine Kehle, um die Kraft freizusetzen. Aber der Schrei erstickt mich. Dafür bekomme ich keine Luft mehr und muss dem Schrei noch mehr Nachdruck verleihen. Ewige Momente sitze ich da. Ein eisenbeschlagenes Tor, moosbedeckt, rostig, von der Zeit gezeichnet. Meine Hand klopft dreimal im hallenden Schlag. Ich werde noch näher geführt, drücke die Flügeltür. Ein Kratzen und Quietschen begleitet das Holz auf seinen Weg. Zuerst blendendes Licht, dann eröffnet sich ein Kieselweg, kleine weißknirschende Steinchen, die meinen Fußabdrücken weichen, als ich auf sie hinab schwebe. Mein volles Gewicht drückt mich auf den Boden in die Knie.

Mit fürsorglichen, aber elterlichen Druck soll ich weitergehen. Durch meine Augen, einem Schlüsselloch auf meinem Gefängnis, eröffnen sich die im Wind schweifenden Wiesen in voller Pracht. Ich will nicht, weigere mich, bäume mich gegen den fremden Willen. Der Nebel zieht sich zurück, wo vorher noch unendliche Grenzen gemauert waren. In der Ferne funkelt etwas, ruft mich mit einem Gefühl des Schicksals. Es ändert mich. Plötzlich ist die eisige Umklammerung weg und materialisiert sich in ein kleines hundeartiges Ding, um als menschliche Figur aufzustehen, um sich schuldbewusst in Demut vor mir zu verneigen. „Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“ flüstert die kindliche Stimme. „Sie wollte, dass ich dich hierherbringe, Gebieterin.“  „Ich bin die Schuldige!“, ertönt eine anmutige, aber herrische andere Stimme. Eine frauliche Gestalt, hochgewachsen und edel gekleidet, stapft uns entgegen. „Du musst mit ihm sprechen, auch wenn du nicht willst! Es ist deine Pflicht mir gegenüber!“ Ich erkenne das Gefühl, was ich mit dieser Anwesenheit verbinde und stelle mich aufrecht hin. „Du bist, du bist…“, stolpert es ungläubig aus mir heraus.

„Lucremeril, deine ergebene Dienerin.“ „Dämonin trifft es wohl eher“, speie ich aus. „Wenn dann Schutzdämonin, bitte. Höflichkeit muss sein.“ Verbittert und im Schmerz getunkt, fletsche ich die Zähne. „Ein Lächeln habe ich nicht erwartet aber meine Hochachtung: Freundlich wie immer!“ „Diese Plänkelei ist doch nur Zeitverschwendung“, zische ich verachtend. „Nunmal langsam meine Liebe. Das habe ich nicht verdient. Ich will dir doch Gutes, dir helfen.“ Ich runzel die Stirn und stammele: „Das kenne ich irgendwo her.“ Weitschweifend schlendert sie an mir vorbei. „Sei gütig mit mir. Ich schätze dich für deine Freundlichkeit. Jeder kann dich schlecht behandeln und du macht nichts dagegen. Da muss ich doch handeln!“ Damit will sie wohl auf einige unerklärliche Situationen anspielen. Hochmütig fährt sie unbehelligt fort: „Du musst dich eines Tages deinem Schicksal stellen.“ Mit einem gekonnten Augenrollen krächze ich: „Das will ich aber selbst entscheiden.“ „Tzzz, eigener Wille, so ein Luxus können sich nur normale Menschen leisten, meine Süße. Sei nicht so naiv.“ Das wird mir jetzt zu blöd. Ich drehe mich zu ihr um: „Was willst du wirklich Lucremeril?“ „Meinen rechtmäßigen Platz. Was sonst? Du musst wieder in deine Traumwelt oder wie nennst du das nochmal? Ach egal. Mit dir haben sie auch mich ausgeschlossen. Das ist unfair, findest du nicht? Dafür ist jemand anderes da. Aurélia. Die ist ja uuunmöglich.“

Meine Anspannung erhöht sich zu einer dramatischen Gedärmewinden. „Du kennst dieses Biest doch? Deswegen ist das hier wichtig, egal ob du willst oder nicht.“ Erwartungsvoll starrt Lucretia mich an. „Na muss ich denn wirklich alles machen? Ihre eigene Prophezeiung?“ Mir dämmerte etwas, aber ich war noch nicht soweit in meiner Erinnerung vorgedrungen. Entnervt, mit einem lauter dröhnenden Seufzer faucht sie weiter: „Du kommst schon noch drauf! Aber jetzt musst du da hinten hin. Ich darf nicht weiter. Du musst! Deine Zeit läuft ab.“ Eine ehrliche Besorgnis spannt sich zwischen uns. Mein Körper ist ein einziger Klumpen geworden. „Was verschweigst du mir?“ entfleuchen meine Zweifel. „Ich darf es dir nicht anvertrauen. Das wurde mir untersagt.“ Ihr Wesen verändert sich zu einem mütterlichen Charakter. „Ich darf meinen Brüdern und Schwestern zwar nicht ins Handwerk pfuschen, aber helfen muss ich dir trotzdem. Egal, was es kostet. Verurteile mich nicht für meinen Zweck. Ich bin nur ein Mittel.“ Meine Wut verklingt so plötzlich, wie sie gekommen ist. Das ist zu viel für mich. Erschöpft sinke ich auf den Boden. Das Wechselbad der Gefühle zerrt an meinen Nerven. „Ich will nicht mehr davon laufen“, gebe ich zu. „Du hast gewonnen. Ich füge mich.“ Sie schüttelt den Kopf: “ Nicht ich. Er. Er hat mich geschickt.“

Ich falle in meinen Körper hinein und rücklings von der Couch auf den Boden.  Schockiert stütze ich mich auf meine Arme und sondiere mein Wohnzimmer. Mein Atem rast, mein Herzschlag schlägt mir gegen die Haut. Ich versuche mich zu orientieren. Der Wein steht noch da. Die Kirchenuhr schlägt. Es ist immer noch Nacht. Null Uhr. Der letzte Schlag holt mich in die Gegenwart zurück. Das Zittern und Schmerzen fordern noch mehr Alkohol und ganz viele Zigaretten. Aber meine Benommenheit verlangt Klarheit. Ich lege mich wieder auf die Couch, um zur Ruhe zu kommen. Dann falle ich in die Bewusstlosigkeit.