Gedanken(k)reise: Vor 15 Jahren…

Die letzten Tage sind wiedermal eine Zeitreise. Sie geben mir tiefe Einblicke in die Gegenwart und aktuelle Denkweise anderer Menschen. Es katapultiert mich zu dem Jahr, wo ich süße 18 Jahre wurde. Das Jahr, wo sich alles verändert und mein Leben komplett umgekrempelt hat. Bei den Unterhaltungen die ich in den letzten paar Tagen geführt habe, stellte sich eine völlig andere Sichtweise der Außenwelt auf mein Leben dar. Soviel Information, die ich eigentlich wusste, aber bewusst verleugnet und verdrängt habe, weil ich weiß, was das für mich bedeutet…. Es gibt nicht nur einen Zeitpunkt in deinem Leben, wo sich alles verändert. Es gibt mehrere, denn wir durchleben Phasen, Lernphasen, Denkphasen, Abschnitte, die sich überlappen, die miteinander zusammenhängen, Schleifen, die sich immer wieder wiederholen.

Diese Tage sind ein Wendepunkt für mich und warum ich das in die Öffentlichkeit hinaus posaune, ist, weil ich alles offen darlegen kann ohne mich zu verraten. Jeder versteht sowieso nur die Nachricht, die er oder sie hören will. Es kommt darauf an, in welcher Phase und Entwicklung man selbst ist, wie der eigene Horizont aussieht und mit welcher Brille man die Information betrachtet. Es ist mir durchaus bekannt, dass ich ein schwieriger Mensch bin und andere Ideale und Gedanken sowie Weltanschauungen vertrete, als die Menschen, denen ich begegne. Ich habe einen Kompromiss zu schließen, um sozial gerecht zu werden, damit mich die anderen Menschen ertragen können, was man auf den ersten Blick bestimmt nicht erahnen könnte.

Es gab schon viele Vertrauensbrüche in meinem Leben, die sowohl ich als auch andere ausgelöst haben. Ich möchte nicht die seelischen und körperlichen Narben ausbreiten, die ich erfahren durfte. Das Wertvollste, was ich an meinem 18. Geburtstag verloren habe, ist mein Vertrauen. Ein Teil von mir ist viel früher erwachsen geworden, aber der andere Teil war nicht bereit, erwachsen zu sein. Selbst wo ich die Pflichten eines Erwachsenen übernehmen musste, durfte ich nicht das Recht der Selbstbestimmung erfahren. Ich habe immer sehr viel Gewicht auf die Meinung der Menschen gelegt, die mir Nahe waren. Dadurch konnte ich noch nicht einmal eine eigene Meinung leben, obwohl ich es in meiner Illusion erhoffte.

Ich habe eine Ausbildung gemacht, die ich im Grunde genommen nicht machen wollte, weil mein Wunsch ein Studium war. Ich habe mit Ach und Krach das Abitur geschafft, aber nicht weil ich zu dumm war, sondern weil ich die Schule hasste und die Menschen, die sich dort aufhielten. Mir wurde erzählt, dass sich ein Spion in der Schule aufhält, der mich ständig überwacht und die Information weitergibt. Es war Psychoterror. Meine Erziehung war für mich unerträglich. Und es hörte mit 18 nicht auf. Ich zog erst mit 21 Jahren aus. Unglaublich, dass ich es so lange erduldete. Der Rebell, der ich dachte zu sein, war unfähig. Aber allmählich kommt das alles hoch. Es ist unfair meinerseits, weil es so spät kommt. Ich hätte es direkt ausleben sollen. Und ja, mag sein, das ich ein absolut übersteigertes Selbstbewusstsein, aufgeblasenes Ego habe und kein Selbstwertgefühl, aber wann hätte ich Selbstliebe lernen sollen? Ich opfere mich mittlerweile, um mich selbst zu bestrafen, dass ich mir das alles antue. Sehr widersprüchlich, weshalb ich da auch aus dem Teufelskreis heraus will.

Ich verwehre mir selbst mein Leben und ertrage die Fremdbestimmung höflich und mit einem Lächeln. Ist das nicht grausam? Und die Welt denkt, sie tue mir etwas Gutes? Wow, wie selbstgefällig. Ich bin schlecht in dem, nicht ich zu sein. Ich bin eine miese Kopie. Ich bin ein Lebewesen, aber ich lebe nicht. Das tue ich nicht nur mir an, sondern jedem Menschen, der mich liebt. Die Nächte welze ich mich und überlege, was ich wirklich will, wie ich nach meinem Glück streben kann, was ich tun kann, damit ich mich lebendig fühle und meinem Leben einen Sinn gebe. Weil so wie es jetzt ist, ist es sinnlos und sinnfrei.

Vielleicht habe ich jetzt den Drang einer Abrechnung, weil ich mir nie erlaubt habe zu hassen, damit es mir gleichgültig werden kann. Aber ich wollte nie, dass es mir egal ist, denn dann habe ich Angst davor, stumpf zu werden, um daran zu arbeiten, eine leere Hülle zu sein. Mein Inneres ist zugemüllt. Erst jetzt begreife ich, dass es der Schmerz meines inneren Kindes ist, welches ich mit einer täglichen Dosis Gift töten wollte, welches aufschreit und sich endlich wehrt. Unsere Seele ist auf dem Zeitstrom gleichzeitig alle Alterszeiten, die wir je leben werden, sehr jung, jung, alt, jetzt. Das innere Kind hat seine Daseinsberechtigung. Es sind die Kindheitsdramen, die unser heutiges Leben geprägt haben, wonach wir heute noch unbewusst leben. Und natürlich tut es weh, wenn der Schmerz sich zur Oberfläche kämpft. Es ist wie ein Geburtsschmerz. Aber er ist auch gut. Es ist wichtig, den Schmerz anzunehmen und die Schattenseiten zu integrieren, um vollständig zu sein.

Es hat seinen Grund, warum gerade diese Zeit sich wieder in meinen Weg wirft. Eine Prüfung. Eine Lektion. Eine Kraftquelle. Es liegt an mir, was ich daraus mache.

Die Welt sagt: „Sei doch du selbst“ und im gleichen Atemzug verachten sich dich dafür.

Es ist nicht so schwer, erwachsen zu werden.

Erwachsen zu sein dagegen sehr.

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